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Versbuch

Weihnachtsepistel

Otto Ernst · 18621926

248 Zeilen in 11 Strophen · zuerst gedruckt 1903

Weihnacht kommt heran, das Fest der Kleinen,Da die Großen wie die Kindlein werden,Arme Hirten, Könige und WeiseMit den Öchslein um die Krippe stehenUnd ein Kind in tiefster Demut ehren.

Ja, die Großen werden wie die Kleinen.Halbe Stunden lang sitz ich geduldig,Ein Stück „Nachwuchs“ auf dem Arm, auf jedemKnie noch eins, und eines steht dazwischen.Wie man sieht: ein Fünftes fände schwerlichPlatz noch: höchstens auf den Schultern könntenZwei noch sitzen. Los geht das Verhör nun!„Hast du heut den Weihnachtsmann gesprochen?Hat er wohl noch solche große Puppe,Solche, weißt du wohl, die schlafen kannUnd die Arm’ und Beine biegen kann?Und die richtig schreit?“ – „Ja, das ist wichtig!“„Und ein Fläschchen auch dazu mit Lutscher?Und ’nen Puppenwagen? Und ’ne Küche –“„Ja, und sonst noch was? Ja freilich hat erAll dergleichen, aber nur für Kinder,Die nicht eigensinnig sind, wie etwaHier mein kleines Dirnchen (in GedankenUnd in Klammer: „und wie ihr Herr Vater!“)„Dedda doosche Taffeetanne habenUn Terwine un Papoffelschüssel –“„Kriegst du, selbstverständlich.“ „Und ich wünsch mirNur ’ne große, ganz ganz große Trommel!“„Ja, das möcht’st du wohl! Um mir die NervenGanz kaput zu trommeln! Nicht vielleicht auchNoch ein Glasklavier mit Blechtrompete?Aber hört! wenn ihr hübsch artig seidUnd die Mutter mir nicht noch vor WeihnachtIn vier Stücke reißt, dann kriegt ihr jederGanz gewiß von mir ein nagelneues,Langes, breites, dickes, wunderschönesAbgebranntes Zündholz –“. „Hahahaaaaa!“Allgerechter! Diese Kehlen! SchrecklichDankbar ist dies Publikum für „Witze“!Springen, Lachen, Johlen, Schreien, Strampeln –Dein gedenk ich, großer Hagenbeck!„Und was wünschest du dir denn, Papachen?“„Ja – das muß ich reiflich überlegen. –Denn die Sache ist mir doch zu wichtig. –Halt! ich hab’s! Schon wieder hab ich einenHandschuh irgendwo verloren. Schenkt mirEinen linken Handschuh!“ „Ja, was kostetDenn ein Handschuh?“ „Hunderttausend Taler!“Neuer Sturm. Am Boden selbstverständlichEndet dieses bürgerliche Schauspiel.Wie ein Festungswall werd ich „genommen“,Tapfern Fußes jubelnd überschritten,Wie ein Schneemann werd ich erst gerollt undDann geknetet. Ja, du liebe Weihnacht,Ja, ich sehe deutlich schon das Ende.Immer weicher wird man, immer milder,Schließlich kriegt der Kerl sie doch, die Trommel,Und ich lasse gütigst auf mir trommeln.

Weihnacht kommt, das große Fest der Kleinen,Da mit Hirt und Öchslein KönigeUm die Krippe stehn in frommer Demut.

Sonst – ich muß es grad heraus bekennen –Ist zur Demut mein Talent im GrundeAußerordentlich gering, und draußenMach ich mich nicht gerne klein mit Kleinen.„Demut“ – eine böse Wurzel hat dasWort, die schlimme Wurzel großen Übels:Denn es kommt vom Schreckensworte „dienen.“Unsre großen, freien, stolzen Vorfahr’nKannten den Begriff nicht und das Wort nicht.Erst mit andren Schätzen aus dem OstenKam die Demut auch in deutsches Land.Demut kriecht am Boden, und so ist sieImmer nah bei Staub, Gewürm und Schmutze;Aber hohen Blicks geht Stolz einher,Achtlos tritt er Wurm und Staub mit Füßen.Nein, die schönste biblische GeschichteWar und bleibt mir immer die vom Jakob,Der den Engel frisch beim Kragen packte:„Jetzo segne mich entweder – oder –“Seine ganze Schwindelei vergeb’ ichIhm für diese echte Menschentat.

Ja, ach ja: zur kleingesinnten DemutFehlt mir die Begabung. Nur zu Zeiten –Wenn die Weihnacht nahekommt – verkriech’ ichTief und stumm mich in mein Innerstes.Auf der Heimkehr von der Arbeit such’ ichStille, kaum betret’ne Wege dann,Wo die Sonne, müde schon und rot,In umnebelten Gebüschen hängt,Selten nur ein Vöglein sich davonhebtStummen Fluges durch die träge Luft,Daß vom kaum gebognen Zweig der SchneeLautlos fällt auf Schnee. Auf fernem Wege –Irgendwo – und kaum noch zu vernehmen,Unter schweren Rädern kreischt der Schnee;Über einer schwarzen Kate flimmertHoch und hell mein Stern von Bethlehem.

Dann geschieht’s. Zwei weiche, warme HändeKommen leis von hinten und verschließenMir die Augen. Süß erschauernd steh ich,Regungslos gebannt, doch nicht erschrocken.Dann mich leise wendend, in die Augen,Große dunkle, feuchte Augen blick’ ichEines unergründlich schönen Weibes.Weich in ihre Arme zieht sie mich,Und mit warmen Hauch an meiner WangeFlüstert sie mir zu in Heimlichkeit:„Mach’s in diesem Jahre und in allenSo wie ich.“ – Gespannt in allen Fibern,Hör ich, wie in leisen, starken StrömenNeue Kraft die Adern mir erfüllt;Zitternd steh ich, dem Kristallgefäß gleich,Das mit rotem Feuerwein gefüllt wird. –Bis vom nahen Strauch ein Vöglein schwebtStummen Fluges durch die träge LuftUnd vom kaum gebognen Zweig der SchneeLautlos fällt auf Schnee. Mit leisem FröstelnFühl ich, daß sie längst gelöst die Arme,Daß ich längst allein am Wege stehe.Aufgerafft dann, mit gestrafften SehnenSchreit ich weiter, immer gradaus blickend;Gradaus blickend tret ich in die Türe,Hut und Mantel leg ich ab; die KinderKlammern jubelnd sich an mich, und endlichSchüttelt ungeduldig mich das Ältste!„Vater! Vater! Was für Augen machst du!“Und das Nächste ruft mit Händepatschen:„Und was hast du heut für rote Backen!“

Dieses also ist mein Fest der Demut.Schnurrig werdet ihr die Weisheit finden,Die das Weib mir zugeraunt am Wege,Schnurrig, daß ich mich vor diesem WeibeOhne Stolz in tiefster Andacht neige.Rätselvoll zum mindesten erscheint euchJenes kurze Trostwort der Sibylle.Aber ich verstehe sie vollkommen;Auf der Heide schon in früher KindheitLernt’ ich ihre Sprüche still begreifen.Denn dies Weib mit dicken, brauen Zöpfen,Jungen Brüsten und erglühten Wangen,Meine Ur-Ur-Urgroßmutter ist es,Die Natur. Saht ihr sie nicht im SturmtanzJüngst sich drehen, daß die Röcke flogen?Wirbelnd fegte sie mit ihrem RöckchenWelkes, Mürbes, Morsches und VerdorbnesUnd Gestorbenes zum Land hinaus. –

Jetzo sind wir in den stillen Tagen,Da sie schlummert oder unter BüschenTief verborgen träumt und träumend sinnt,Sinnend schafft und in sich selbst versinkt.Tief hinunter taucht sie in sich selbst,Aus geheimsten Grund die Kraft zu holen.Doch nur wen’ge Tage gönnt sie sichAndachtsvoller Ruhe: Wenn in diesenDunklen Tagen sich die Sonne wendet,Neu beginnt sie schon den Werdekampf.In Myriaden dunkler Kammern schlägt sieZarte, reizende Gewebe auf,In Myriaden dunkler, trauter KammernWebt sie grüne Blätter, bunte Blumen.Klatscht sie in die Hände, springen lachendÜberall und überall die Knospen,Und ans weiße Frühlingslicht hervorQuellen samtne Blätter, seidne Blüten.Recht im Licht mit weidlichem BehagenSpreitet sie ihr leuchtendes Gewand.Aus den Ställen lockt sie Rind und Schäflein,Und in Waldesnacht und BergesgründenWeckt sie leise, süße Hirtenflöten.Auch mit Donnern bricht sie wild herein,Zornesblitze sprüht ihr dunkles Auge,Wenn zu träge schleicht das Blut der WeltUnd sich staut in kläglicher Ermattung.Aber in Myriaden dunkler KammernKocht an heißer Glut die Wundersäfte,Starke, süß’ und bittre Lebenstränke,Backt sie Brot an Millionen Herden,Singt dazu aus starker, süßer Kehle.Dann die Schürze fest gefaßt an beidenZipfeln, springt sie jauchzend durch das Land.Aus der Schürze langt sie Birn’ und Apfel,Wirft sie Bub und Dirnlein an den Kopf,Während über Stirn und Ohr ihr nickenGoldene und funkelrote Trauben.Hat sie alles lächelnd hingegeben,Dreht sie tanzend, jauchzend sich im Sturme,Kreischend, wie nur Weiber kreischen können:Welkes, Morsches und Verdorbnes fegt sieUnd Gestorbenes zum Land hinaus.Bis sie müde hinsinkt unter Büschen,Schlummernd liegt mit einem Kinderantlitz,Harmlos, ahnungslos, wie Kindlein sind.Wen’ge stille Tage.Und erwacht dann,Träumt sie starren Auges, träumend sinnt sieSinnend schafft sie, in sich selbst versinkend.Tief hinunter taucht sie in sich selbst,Aus geheimstem Grund die Kraft zu holen.Zärtlich ist sie sehr in diesen Tagen;Geht am stillen Weg ein Freund vorüber,Ein verzagter, kampfesmüder Wicht,Schlingt sie hinterrücks um ihn die Arme,Flüstert warm ins Ohr ihm: „So wie ichMach’s in diesem Jahre und in allen.“

Also laßt uns klein mit Kleinen werden,Alle Süße der Beschränkung kosten,Alle großen Wünsche still begraben,Allen Zorn und Haß und allen Streit.Schlummern laßt uns, harmlos, ahnungslosWen’ge stille Tage. WunderbarlichLockt des Herdes Flamme, liebe Freunde,Wenn ihr Flackerschein auf rote WangenSüßer Kinder fällt und aus den AugenEines anmutvollen Weibes glüht.Ach, im Sessel tief zurückgelehnt,Seht im Christbaum ihr den Engel schwebenMit der Himmelsbotschaft: „Frieden, Frieden!“Laßt uns an den süßen Frieden glauben;Aber schlummert nicht zu lang. Es kommenTage, da dem Engel auf der LippeJäh der Psalm zerreißt und von den Höhen,Aus den Tälern die Trompete schreit. – – –

Jetzo find wir in den stillen Tagen.Tief hinunter taucht in euer Herz,Aus geheimstem Grund die Kraft zu holen.Brauchen, brauchen werdet ihr die Kraft;Denn die Zeichen reden Sturm und Krieg.Taugen wird euch schlecht dann die ErgebungUnd die Demut und der sanfte Traum.Demut und Ergebung! Eine KetteHaben sie geschmiedet, die vom AnfangDieser Welt reicht bis zum heut’gen Tag.Und wir schleppen an dem Erbe, das unsJene beiden liebreich aufgebürdet.Und die Demutvollen, die Ergebnen,Schmieden Glied um Glied die Kette weiterFür den eig’nen Leib. Doch kommt der Tag auch,Da zu lang die Kette wird, zu schwerUnd den wild Verzweifelten das HerzAllgewaltig aufschwillt in der BrustUnd der Mensch, der zu den Sternen aufblickt,Weiß und will, daß er zum Stolz geboren.

Weihnacht kommt, das milde Fest der Kerzen.In die stillen Flammen will ich schauen,Tief mich in ihr reines Licht versenkenUnd mit Kraft und hoher Hoffnung bitten:„Liebe Brüder, werdet nicht wie Kindlein!“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Stimmen des Mittags. Neue Dichtungen. S. 23–34, Vermehrte Auflage. (Drittes und viertes Tausend.), L. Staackmann, Leipzig, 1903
Digitalisat
de.wikisource.org — „Weihnachtsepistel (Otto Ernst)“, Fassung 1.228.827 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Otto Ernst starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118682342 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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