An einem leisen Bach
Otto Ernst · 1862–1926
18 Zeilen in 2 Strophen · zuerst gedruckt 1907
An einem leisen Bach auf grünem SteinLag abendstill ein Sonnenschein,Wohl größer kaum als eines Menschen Angesicht,Jedoch ein heimlich-wunderbares Licht.Ich kniete still ins Laub, und dieses Leuchten sprachVon einer sanften Frau, die einst des Kranken pflegte,Vom Zweige über mir die schönste Blüte brachUnd lächelnd mir aufs weiße Kissen legte …In ferner Frühe war’s, ein Kindheitstag,Da unter Bäumen ich gebettet lag …Wo bliebst du, holde Frau? Nie fand ich deine Spur.Du warst ein tiefes Glück, drum kamst du einmal nur.Nur einmal – fröstelnd schreck’ ich auf und seh mich um –Mein redend Licht erlosch. Die Welt ist stumm. –
Und sehnend sucht’ ich heut’ den alten Stein –Auf Moos und Welle glomm ein toter Sonnenschein.Nie kehrt der Glanz von gestern mir zurück,Das weiß ich wohl. Er war ein Menschenglück.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Siebzig Gedichte S. 56, 1. Auflage, L. Staackmann, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „An einem leisen Bach“, Fassung 1.623.330 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Otto Ernst starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118682342 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.