Angelika
Otto Ernst · 1862–1926
48 Zeilen in 12 Strophen · zuerst gedruckt 1907
Von der raschen Lebenswelle,Die mein Herz durchfloß,Die in sel'ger StundenschnelleBrausend dich umschloß,
Von der Liebe SchönheitsrauscheTaumelnd übermannt,Hab ich oft im Liebestausche„Engel“ dich genannt. –
Schweigend Platz an unserm TischeLängst die Sorge nahm;Deiner Wangen holde FrischeTilgt ein früher Gram.
Seh's mit nagender Beschwerde,Seh's mit stiller Qual,Wie du jenen Gast am HerdeNährst mit deinem Mahl;
Und ich seh es doch voll Wonnen,Die kein Wort beschreibt,Daß so fest und treugesonnenDeine Liebe bleibt.
Hielt' ich gern ein Leid verborgen,Nimmst du's dennoch wahr;Denn die Sprache stummer SorgenIst dir offenbar.
Was uns einst so fest umschlungen,Hält uns noch geeint:Tränen, die ich still bezwungen,Hast du still geweint. –
Oft umspinnen lichte TräumeDie Gedanken mir,Durch des Hauses traute RäumeFolgt mein Auge dir:
Eine Hülle seh ich fallenWie ein irdisch Kleid,Einen Schimmer dich umwallenWie aus künft'ger Zeit.
Und in solcher LiebesstundeErnst verschwieg'nem GlückKehrt mir immerdar zum MundeJenes Wort zurück,
Jenes Wort, im Rausch gesprochenUnd im Traum der Lust,Noch im Klange ungebrochenKlingt's in meiner Brust:
Denn der Liebe sonder KlageRührende GewaltWandelt mehr mit jedem TageDich zur Lichtgestalt.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Siebzig Gedichte S. 79-80, 1. Auflage, L. Staackmann, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Angelika“, Fassung 1.623.344 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Otto Ernst starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118682342 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.