Was Ortrun sprach
Otto Ernst · 1862–1926
28 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1907
Gib wie immer deine liebe Hand,Eh’ ich eintret’ in des Schlummers Land.Sollst im Dunkel mir zur Seite stehen,Mit mir durch des Traumes Garten gehen.
Sieh, das ist das Süßeste vom Tag,Daß ich deine Hand noch fassen mag,Wenn des Tages Ängste von mir sinkenUnd des Schlummers milde Schatten winken.
„Meine Zuflucht“, klingt in mir ein Wort,„Meine Zuflucht“, klingt es immerfort.Alle, die dich lieben, die dich hassen,Endlich müssen sie dich mir nun lassen.
Deine Hand nur fühl’ ich noch allein;Alles andre mag verloren sein.Ach, in mancher Nacht war mir’s verliehen,Dich im Traum mit mir hinwegzuziehen:
Auf den Lippen noch ein Wort vom Tag –Leise dann des Traumes Flügelschlag –:Schon mit dir in schweigendem UmschlingenHört’ ich ewig-stumme Sterne singen.
Und in fernen Himmeln noch empfandIch den leisen Druck der teuren Hand,Wie ein volles, heiliges Umfassen:„Schreite fest, ich will dich nicht verlassen.“
Soll mir deine Hand erhalten sein,Tret’ ich gern in jedes Dunkel ein;Muß es doch nach allen Schrecken bringenEinen Traum, in dem die Sterne singen. –
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Siebzig Gedichte S. 77-78, 1. Auflage, L. Staackmann, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Was Ortrun sprach“, Fassung 2.577.315 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Otto Ernst starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118682342 der Deutschen Nationalbibliothek.
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