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Versbuch

Das Opfer

Gustav Schwab · 17921850

160 Zeilen in 20 Strophen · zuerst gedruckt 1828

In einem Reich gen MorgenDa glühte der Sonne Brand,Da schaut’ in schweren SorgenDer König auf sein Land:„Es lechzen alle Felder,Versiegen geht der Fluß,Es dorren ab die Wälder,Weh, daß ich es schauen muß!“

„Was hilft mir Scepter tragen?Kann ich zum Strome: Fleuß!Kann ich zur Wolke sagen:Die kühle Fluth ergeuß! – ?“So hat er lang in KummerVon Tag’ zu Tage gedacht,So seufzt’ er, ohne Schlummer,Von Nacht zu heißer Nacht.

Und als nun ohne WolkeSechs Monden glänzte die Luft,Tritt er hinaus zum Volke,Das zu den Göttern ruft.Es schallten TrauerpsalmeDavon kein Strauch genas,Und welk stand jede Palme,Als wäre sie junges Gras.

Die fetten Aecker darben,Kein Dampf steigt aus dem Kraut,Verblüht stehn, ohne Farben,Die Blumen, wohin er schaut.Nicht weht ein Strom von DüftenAus den Gewürzen mehr,Nicht singt mehr in den LüftenDer bunten Vögel Heer.

Und unter den Zelten lagenDie Menschen krank und matt,Von glüh’nder Pest geschlagenAuf schwüler Lagerstatt.Und war die Sonne gesunken,Nach langem, heißem Lauf,So sprühten die trüben FunkenDer Scheiterhaufen auf.

Da deckte mit beiden HändenDer König sein Gesicht:„Ihr Götter, kann ich wendenVom Volke den Jammer nicht?Gebt mir ein gnädig Zeichen,Vor keiner Last will ich,Vor keiner Schmach erbleichen,Nur, eh’rner Himmel, sprich!“

Da sprachen zu ihm die GötterDurch seiner Priester Mund:„Du wirst des Landes Retter,Und schleußst mit uns den Bund,Wenn zu des Volkes HeileDas Opfer du gestellt,Das unter des Priesters Beile,Uns recht willkommen fällt!“

Er läßt Altäre zieren,Der Hundert führt man dreiVon Schafen und von Stieren,Die stattlichsten, herbei.Kein Hauch vom Berge wehet,Keine Wolk’ am Himmel stand,Mit lautem Schalle flehetDer König und sein Land.

Doch als die Priester hobenDen blanken Opferstahl,Die Thiere begannen zu toben,Und starben in Wuth und Qual.Es schaut auf das GewimmelUnd auf das Blut, das floß,Mit blauem Auge der HimmelHernieder erbarmungslos.

Der König in tiefer TrauerGing wieder in sein Haus,Durchwachte die Nacht in Schauer,Und trat früh Morgens heraus.„Ich weiß,“ sprach er mit Stöhnen,„Nicht anders kommt uns Heil,Eh’ von des Landes SöhnenZween fallen von dem Beil!“

Zween Knaben, widerstrebend,Bringt man, der Jugend Licht: –„Weh!“ ruft der König bebend,„Der Himmel will sie nicht!Die Opferflamme dunkelt,Der Rauch verhüllt sie ganz!Da droben aber funkeltDie Sonn’ in hellerem Glanz!“

Den König faßt ein Grauen,Doch spricht er aus das Wort:„So bringt mir drei Jungfrauen,Die Knaben führet fort!“Drei Mägdlein, jung, unschuldig,Führt man herbei bekränzt,Sie neigen sich geduldig,Nur ihre Thräne glänzt.

„Laßt ab, laßt ab!“ ruft wiederDer König zagend aus:„Die Flamme sinket niederErlischt in Dampf und Graus!“Und gräßlich tönt die KlageDes Volkes in die Luft,Der König verschließt drei TageSich in der Väter Gruft.

Und an dem vierten MorgenTritt er an’s Tageslicht,Gewichen sind die SorgenVon seinem Angesicht.Dem Purpur und der KroneHat er den Glanz erlaubt,Er sitzt auf seinem ThroneMit hohem, frohem Haupt.

Er spricht: „Ich hab’ ein Zeichen,Ich weiß, was ich soll thun;Mir sagten’s der Väter LeichenDie in der Halle ruh’n.Es liegt in BalsamdüftenJung, fröhlich von Gestalt,Dort Mancher in den Grüften,Und ich bin grau und alt!“

Er stieg von seinem Throne,Zu Boden warf er sich,Bleich wurde da die Krone, –Der Sonne Schimmer wich;Und wie er vor dem VolkeInbrünstig betend fleht,Da flog empor als WolkeSein heiliges Gebet.

Er sprach: „Ihr Götter! fundenHab’ ich das Opfer gut:Man heilt des Volkes WundenNicht mit des Volkes Blut.Empfangt, empfangt mein Leben,Und laßt von eurem SitzDie Wolken segnend beben,Mir aber schickt den Blitz!“

Und als er aufstand, fertig,Den Tod erfleh’nd als Gunst,Umarmt’ allgegenwärtigDen Himmel dunkler Dunst.Kein Blitz zuckt ihm entgegen,Es legt sich nur der Staub,Es säuselt nur der Regen,Still durch der Bäume Laub.

Die Menge staunt und lauschet,Der Wind kühlt ab die Gluth,Der Regen strömt und rauschet,Er wird zu Guß und Fluth,Durch Bart und graue LockenDer Strom dem König quillt,Sein Auge bleibt nicht trocken,Von sel’ger Thrän’ es schwillt.

Die Vögel fangen zu singen,Die Kräuter zu duften an,Der Fluß sich zu schwellen, zu schlingenIn seiner alten Bahn.Es tönen der Priester Lieder,Der Dichter Harfe klingt,Das Volk es wirft sich nieder,Den Scepter der König schwingt.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte. 1. Band, S. 204–209, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
Digitalisat
de.wikisource.org — „Das Opfer (Schwab)“, Fassung 2.572.706 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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