Vision
Gustav Schwab · 1792–1850
168 Zeilen in 22 Strophen · zuerst gedruckt 1828
6.Vision.Am Jahresschluß 1827.VorbereitetSind die Geschicke der Welt.In allen Zonen drängt sich aus dem BodenDie Saat hervor,Decket mit ihrem SammteDie Erd’, als einem Festgewand,Und harrt des befruchtenden Donners.
Wen in den zögernden HimmelSendet die Erde hinaufZum VaterMit dem Flehen der Völker,Daß ihm gefalle zu lenkenSeiner Allwissenheit StrahlAuf des Menschengeschlechts arbeitende Flur,Und zu senden schaffende Allmacht?
Einer aus seines Königes RathSteht auf.Kaum erhöhet, räumt erDen ersten Platz.Erschrocken sehen’s,Denn sie liebten ihn, die Menschen;Doch bei der Wellen Triumphlied,Die sein Eiland umschlingen,Wandelt hinauf er zu Gott.
Vor des Höchsten ThroneWirft er sich nieder und spricht:„Begonnen ist, o Herr, dein Werk!Die in der Völker irrenden HändenLange geschwankt,Gefaßt hab’ ich die FackelIn meine Hand,Habe sie hoch gehoben in die Luft.Sie zündet! riefen die Thoren,Aber sie leuchtete nur.
Ein Sämann ging ich ausIn ihrem Scheine,Warf in langdurchwühlten,Lockeren BodenKörner des Heils.Sprießen sollte sieDen Geschlechtern der Erde allen,Deiner Freiheit köstliche Frucht.
Frei im geselligen TauschMögen die Schätze des ErdballsRollen von Lande zu Land;Frei wandle das vernünftige Wort,Frei glühe der fromme GlaubeIn jeder Menschenbrust;Frei diene der Bürger dem Gesetz,Jede Fessel falle,Von der neuen Welt jungbrausenden StrömenBis zu des Eurotas versiegender Fluth.
Nicht geraubt, wie der Titanensohn,Hab’ ich dein Licht;Auf dein eigen GeheißHielt ich’s den Völkern vor,Und der Erde besorgte,Zweifelnde HerrscherHaben mir, trauend, Gnade genickt,Haben gefüget die mächtigen HändeZu dreifaltigem, heiligem,Freiheitspendendem Bund.
Und jetzo fleh’ ich:Laß nicht umsonst seynDeiner Erdensöhne Thun.Was die Höchsten wollen,Was die Niedrigsten hoffen,Was meines Lebens Licht verzehrt hat,Schaff’ es, du ewiges Licht!“
Und nieder zu des Thrones StufenWinkte der AllmächtigeDen harrenden Geist;Und eingewiegt ward erVom tiefen, träumelosen SchlafDer Ewigkeit.
Bis daß die Zeit gekommen war,Da berührte der HerrDes Unsterblichen Haupt,Und der fernen Erde GetümmelZog herauf in Aug’ und Ohr,Und ihn weckt’ ein schmetternder Donner.
Und im Schlummer halbRief der selige Geist:„Ich höre meiner Herren Schiffe!“Und nieder staunet er, erwacht:Er schaut die griechische Bucht,Und der berstenden Kiele Qualm.
Eines Welttheils JubelDröhnt durch sein wunderbar fassendes Ohr.
Aber bange durchläuft sein BlickDie entrollten Lande,Denn mehr als EinsIst, was ihn kümmert.
Nach dem Norden schaut er,Wo das riesige LandBewaffnete gebiert, wie Drachensaat.Doch aus der Zaare PallastTönt ihm entgegenDer SelbstverläugnungLautrer, Frieden betheuernder Schwur.
Weiter,Nach der heimischen InselSchweift sein sorgliches Aug’.Aber am Ruder dortSieht er sein eig’nesHerrliches SchattenbildImmer die Straße noch weisend stehn,Und den Steuermann ihm gehorchen.
Und hinüber zur SeineFlieget der Blick.Siehe, welch WunderGestaltet sich dort?Im Lande des Aufruhrs, im Lande des Bluts,Friedlich, in des Gesetzes Schatten,Unter der einverstand’nen MengeWirkendem FlüsternBildet die Volksgemeinde sich um.Und die Krone glänzt,Und die Freiheit wirdUnverdunkelt,Wie in Albion, unter ihr leuchten.
Und auch anderswo strahlt’s;Der Einigkeit GeistKehrt segnend einIn gespalt’nen Gauen.Zölle sinken,Und der Welt zum BeispielOeffnen weise FürstenDer freien Völker tauschenden Markt.
Aber fern im SüdenSieht er die Lande dunkel,Oder geröthetVon der Zwietracht Brand und Mord.Nur an der fremdenHeißesten KüsteHält die Gerechtigkeit Wacht,Und es bebt der RaubstaatVor alter JahrhundertePlötzlich reifendem Plan.
Sinnend blickt Jener hinab,Da verschwindet das Gesichte vor ihm,Und die ErdeMit ihrem Lärm und GlanzSinkt hinab in die wolkige Tiefe.
Doch im durchstrahlten GemütheLebt der Glaube an’s Licht,Und mit dem Danke der MenschheitWirft der selige GeistSchweigend sich nieder am Throne des Herrn.
Und der Sänger erzählt,Was er träumend gesehn,Wenn in den HimmelSich verlieren darf seine Seele.
Lächelnd vernimmt es,Unglaubig, die Menge;Sie schauet nur den Keim,Den niedrig sprossenden;Gleichgültig wandelt sieUeber den schwarzen Kern,Den die Hoffnung dem Boden vertraut.Dem Dichter aber ist’s gegeben,Schon offen zu schau’nIm Kern und im Keim,Die dereinst erscheint,Die Frucht und die duftende Blume.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte. 1. Band, S. 171–176, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Vision (Schwab)“, Fassung 1.544.506 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.