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Versbuch

Der Hohlenstein in Schwaben

Gustav Schwab · 17921850

88 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1828

Hoch droben bei dem Dörflein HartMan noch ein Felsenloch gewahrt,Es ist im tiefen Wald gelegenAb von den Feldern und den Wegen,Es trennt der Stein sich in zwei FaltenAls hätt’ ihn Sturm und Blitz gespalten,Er scheint für Fuchs und Eul’ alleinEin trüb unheimlich Haus zu seyn,Doch ist es bald dreihundert Jahr,Da ward zum Fürstenschloß er gar;Da stand in ihm, das Haupt gebückt,Den Rücken an die Wand gedrückt,Die Arme knapp in’s Kreuz geschlagen,Schon seit zwei Nächten und zwei TagenUlrich der Herr vom ganzen Land,Hatt’ nichts, als diese Felsenwand.Die Bündler hatten ihn vertrieben,Sind auf den Fersen ihm geblieben:Und hätt’ ihn nicht der Felsenspalt,Und der verwachs’ne BuchenwaldIn seine dunkle Hut genommen,Er wär’ um’s Leben auch gekommen.So aber zogen mit GeschreiUnd wildem Fluchen sie vorbei.Und als es nun den müden FürstenBegann zu hungern und zu dürsten,Fing er zu klagen an und beten,Ob ihn der Herr nicht g’nug zertreten;Hätt’ es der schmale Raum erlaubt,Er wär’ gekniet mit bloßem Haupt.Da rauscht es in den nahen Zweigen,Zwei Männer sieht er niedersteigen.Nicht Feinde sind es, wild erbost,’S ist guter unterthanen Trost;Sie kommen nicht zu fahn, zu lauern,Es sind vom alten Schlage Bauern,Von denen Eberhard im BartGerühmt die ächte Landesart,Daß ihrem Schooß allnacht ohn’ GrauenSein fürstlich Haupt er wollt’ vertrauen.Wie die den Herzog hier erkunden,Sie wissen nicht, wen sie gefunden,In’s Dörflein führen sie ihn gernAls einen arm verirrten Herrn.Sie kosen traulich mancherhande,Wie’s gute Sitt’ im Schwabenlande,Sie klagen von den harten Tagen,Und wie das Land sey schwer geschlagen,Der Herzog flüchtig und verbannt, –Doch der wohl hätt’s verdient um’s Land!Mit Steuern und mit wildem JagenThät er es unaufhörlich plagen,Bis endlich Gott der Herr ihn lehrt’,Daß ihm’s nicht also ganz gehört.Der Herzog, schamroth, sah zur Erden,Er sprach: das soll schon anders werden;Sie aber sagen drauf mit Lachen:Er wird es doch nicht besser machen,Und wenn er’s in der Noth verspricht,Kommt er nur wieder, hält er’s nicht.

Derweil sind sie in’s Dorf gekommen,Und haben ihn in’s Haus genommen.Er drückt und bückt sich durch die Thür,Doch kommt ihm alles köstlich für;Wie schmeckt die harte Bank ihm; hei!Wie mundet ihm der schwarze Brei!Er nimmt vom alten Schranke dortDas neue, deutsche Bibelwort,Er liest in Andacht die ProphetenVon Fürstenstraf’ und Volkesnöthen;Und wie er drauf sich macht davon,Spricht er: Gott euch für jetzt belohn’,Daß ihr den Ulrich mochtet speisen,Und ihm sein Regiment verweisen!Er eilt hinaus, sie glaubens kaum,Und war es ihnen lang ein Traum;Doch als das Land ward wiederbracht,Sind sie gar fröhlich aufgewacht;Mit Kriegsdienst, Steuern, bösen FrohnenHieß er das ganze Dorf verschonen,Doch ward der Türk’ im Reich erblickt,Da hat es Einen Mann geschickt,Und gegen die Franzosen neulich,Da schickt’ es mehr als Einen treulich.

Also hat seit dreihundert JahrenDas Dörflein Hart es wohl erfahren,Daß es den Herzog auf der FluchtGerettet aus der Felsenschlucht.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte. 1. Band, S. 334–336, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Hohlenstein in Schwaben“, Fassung 3.988.527 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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