Der Hirte von Teinach
Gustav Schwab · 1792–1850
88 Zeilen in 11 Strophen · zuerst gedruckt 1828
Bei Teinach lag ein Hirte,Und schlief im grünen Gras,Derweil sein Heerdlein irrte,Und frische Kräuter las;Den führt’ um ein JahrhundertEin selt’ner Traum zurück,Er stand und warf verwundertIn’s Dörflein seinen Blick.
Die Häuser, die er wachendAls alt und grau gekannt,Sie standen jung und lachendMit rother Ziegelwand.Und wo jetzt ist zu schauenDas schöne Gotteshaus,Fing man erst an zu bauen,Und hieb den Grundstein aus.
Die Maurer waren fertig,Sie ruhten aus vom Fleiß,Und des Befehls gewärtigNoch standen sie im Kreis;Da kam ein Zug gegangenIn feierlicher Pracht,Mit Federn, Mänteln, Spangen,Nach jener Zeiten Tracht.
Und ohne lang zu fragenWard’s ihm im Traume klar,Daß der im gold’gen KragenDer Herzog selber war.Das Neu’ste drein zu stiftenTritt der zum hohlen Stein,Mit blanken Münzen, Schriften,Und neuem, edlem Wein.
Da wird erst von der GabeEin hohes Glas gefüllt,Damit zu süßer LabeDer Herr den Durst sich stillt.Und sieh’, da fällt dem FürstenDer Hirt’ in das Gesicht,Er sieht ihm an sein Dürsten,Reicht ihm das Glas und spricht:
„Trink’, Freund! es ist der besteAus meinem Neckarthal,Du kommst zu solchem FesteDoch wohl nicht noch einmal.“Schon fühlet an den LippenDer Hirte sich das Glas,Und eben wollt’ er nippen, –Da wacht er auf im Gras.
Er blickt um sich erschrocken,Er fühlt die Hand sich leer,Er fühlt den Mund sich trocken,Und ach! es fehlt noch mehr!Wein läßt sich wieder kaufen,Doch wie er träumet hier,Ist ihm davon gelaufenDer Heerde schönster Stier.
Er richtet sich mit FluchenVom leeren Boden auf,Den Flüchtigen zu suchenBeginnt er seinen Lauf;Bis wo in Büschen stilleSich birgt ein alt Gestein,Von dort hört er Gebrülle,Und mählig dringt er ein.
Ihm ist, als träumt’ er wieder,Er steht in einem Hohl,Die Steine hangen nieder,Das war ein Keller wohl!Und hinten in der EckenDa liegt und schlürft der Stier,Was mag sich dort verstecken?Springt eine Quell’ herfür?
Fürwahr es ist die Quelle,Von der du träumtest, Hirt!Ein Wein ist’s, klar und helle,Der das Gestein durchirrt.Das Faß ist lang zerstoben,Er selbst ward rings zu Stein,Drinn’ er sich aufgehobenAls hundertjähr’gen Wein.
Von diesem selben Weine,Wie dir geträumet hat,Liegt in dem hohlen SteineDes Kirchengrunds der Stadt.Laß dich nur nicht gereuen,Daß du erwacht so bald;Du hätt’st getrunken Neuen:Jetzt ist er wunderalt!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte. 1. Band, S. 271–274, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Hirte von Teinach“, Fassung 3.434.249 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.
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