Der große Churfürst
Gustav Schwab · 1792–1850
59 Zeilen · zuerst gedruckt 1828
auf der Spreebrücke zu Berlin.Fragment .– Hört, wie es ergangen:Ich ging mit Scheu und halbem BangenIn dieser kaum verschwund’nen NachtVorüber an des Bildes Pracht.Es rauschten wunderlich die hellenUnd mondbeglänzten Flusseswellen,Und warfen klar den Schein zurückeDes ehrnen Bildes auf der Brücke.Es war mir, als ob all sich nahtenDie Geister seiner großen Thaten,Und hielten wunderbaren TanzRings um die Säul’ im Mondenglanz.Da kam mir bei die alte Sage,Daß sie sich dreh’ bei’m Zwölfeschlage.Ein thöricht Mährlein ist’s, ich dacht’,Indem so schlägt es Mitternacht.Da fängt der Boden an zu beben,Ein träum’risch Wiehern anzuhebenBeginnt das mächt’ge Roß von Erz;Und mählig, sieh! – mir schlug das Herz –Dreht sich der Fürst mit seinem PferdeDas hoch sich aufbäumt von der Erde.Und wie es wieder stehet fest,Er also sich vernehmen läßt:„Ich sah nach allen Seiten hinIn meiner guten Stadt Berlin,Ich halt’ um jede MitternachtNoch immer treue Fürstenwacht;So schaut’ ich jetzo nach den Linden,Dort ist mein treu’ster Freund zu finden,Er ist auch deiner, Kind! – Franz Horn,Ein Mann von deutschem Schrot und Korn;Ich mocht’ ihn immer gern erblickenAls Jüngling wandeln diese Brücken,Da schlug mir an die eh’rne BrustSein tücht’ger Scherz oft recht mit Lust,Denn freudig hat er mein gedacht,So oft er diesen Weg gemacht.Und was er mir gethan als Mann,Du weißt’s recht gut, du triebst ihn an.Wer mich in seinem Buch gelesen,Der kennt mein Handeln und mein Wesen,Von meinem Leibe zeugt dies Erz,In seinem Buche wohnt mein Herz.Er feiert einen schönen Tag,Darum ich ihn wohl grüßen mag.Geh’, treues Kind, und ihm bedeute,Daß ich sein denk’ im Himmel heute:Und will er mein noch ferner denken,Werd’ ich ihm Kraft und Segen schenken,Zu schreiben von der PreußenkroneUnd von dem König, meinem Sohne!“Er schwieg, hin sank ich an der Säule,Und schlummert’ eine gute Weile,Und wie ich wieder aufgewacht,Da war vergangen schon die Nacht,Und hieher kam ich, ihm’s zu künden. –
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte. 1. Band, S. 219–221, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der große Churfürst“, Fassung 3.433.804 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.