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Versbuch

Die Jahreszeiten

Rudolf Lavant · 18441915

66 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1895

An dem Bach, der plätschernd fließt,Seidenweiche Weidenkätzchen!Gelb die erste Priemel sprießtAn geschützten, warmen Plätzchen.Um den rothen SeidelbastSchwirren kaum erwachte Hummeln,Die sich nach der WinterrastDoppelt ungeduldig tummeln.Eine Amsel probt ihr Lied,Schüchtern klingt es noch und leise,Und durch’s welke, dürre RiedWeht wie Hoffungshauch die Weise:Frühling! Frühling!

Kukuksruf und WachtelschlagAus dem Korn und von der HaldeKlingt den lieben, langen Tag,Und der Tauber girrt im Walde.Von gesenkten Zweigen streiftKirschen man in wenig Wochen –Durch der Forste Tiefen schweiftTaktgemäß der Spechte Pochen.Durch ein schwarzes WolkenthorZuckt ein Blitz, als ob er drohe,Und am Himmel schlägt emporEine rosenrothe Lohe:Sommer! Sommer!

Müde in der Straße Staub,Braun und kraus, wie rostbefallen,Niederrauscht das welke Laub,Und die Nebel brau’n und wallen.Wenn du Nachts im Freien lauschst,Wirst du leisen Ohrs gewahren,Wie es in den Lüften rauschtVon der Wandervögel Schaaren.Früchte hängen rothgewangtIn dem lichtgeword’nen Laube,Und in duft’ger Bläue prangtAm Spalier die Edeltraube!Herbstestage!

Ueber weiße Breiten fegtUngestüm des Ostwinds Schnauben,Auf die Lattenköpfe legtSich’s wie zierlich-runde Hauben;Leise murrend rinnt der BachUnter’m Joch auf seinem Nacken,Und der Hütte nied‘res DachSchmückt sich mit krystall’nen Zacken.Weg und Stege sind verwehtVon dem flockigen Gewimmel,Und in blut’ger Röthe stehtFremd und groß der Mond am Himmel!Winter! Winter!

Wenn du nach den Reizen gehst,Die sich lächelnd dir entschleiern,Wenn du jeden Laut verstehst,Wirst du täglich Feste feiern.Sei dir noch so trüb‘ zu Muth –Tröste dich vor diesem Bilde!Die Natur ist still und gutUnd von mütterlicher Milde.So – jedoch auch so nur! - hastDu dein Leben voll genossen,Wenn sich einst zu ew’ger RastDeine Lider müd‘ geschlossen.Das bedenke!R.L.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
off, Auer/Hamburg und J.H.W. Dietz/Stuttgart (in Kommission), Leipzig, 1895
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Jahreszeiten (Lavant)“, Fassung 3.513.743 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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