Zum Inhalt springen
Versbuch

Zum Fest der Arbeit.

Rudolf Lavant · 18441915

57 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1891

O Maientag, Fest sonder gleichen,Das Millionen heut’ begehn’!Seht, wie der Arbeit heil’ge ZeichenIn allen Landen purpurn wehn!Sie sollen rings die Völker mahnen:Die Arbeit will Gerechtigkeit,Ihr müßt den Weg zum Sieg ihr bahnenIm Geiste einer neuen Zeit.

Wie stolz man die Kultur bewundert,Die immerwährend emsig schafft,Und unserm eisernen JahrhundertVerleiht ein maßlos Maß der Kraft!Doch darf man nur den Schleier heben,Der farbenprächtig sie umfließt,Um ob des Elends zu erbeben,Das für die Arbeit ihr entsprießt.

Die Arbeit spendet reichsten SegenUnd doch drückt sie der Fluch der Noth,In Kümmerniß ringt allerwegenSie um ihr kärglich täglich Brod;Für Millionen Proletare,Die sich der Pflicht des Schaffens weih’n,Lohnt’s von der Wiege bis zur Bahre,Nicht unter Menschen Mensch zu sein.

Und wächst auch ohne ihr VerschuldenDas grimme Elend riesengroß,Sie sollen’s tragen, sollen’s dulden,Man nennt’s ihr „unabwendbar Loos.“Ein schlechter Trost! Von allen LügenDie unerhörtste ist’s! Doch kannDie Selbstsucht damit nicht betrügenDen Geist, der lösen soll den Bann.

Die große Wahrheit zu verkünden,Braust heut‘ der Geist von Land zu Land;Nicht Kriegsfackeln will er zünden,Nein, schöner Hoffnung milden Brand;Und neue Kraft zu edlem Streben,Das endlich doch die Welt versöhnt,Will er dem Volk der Arbeit geben,Das harret aus und wird gekrönt!

Heil Arbeit dir! Laß immer thronenOb dir des wahren Menschthums Geist,Er wird dir’s danken, wird dir’s lohnenWie er dir jetzt die Wege weist.Gieb Zeugnis, daß des Unglücks BürdeDein Selbstbewußtsein nicht erschlafft,Daß reich du bist an freier WürdeUnd unerschütterlicher Kraft.

So sollst du stark in Geisteswaffen,Trotz allem Drang und allem LeidAm Werke der Erlösung schaffen,Dem die Geschichte dich geweiht.Und was du duldend unternommen,Glaub‘ nicht, daß es vergeblich sei, ―Ein schön’rer Festtag wird dir kommen,Ein Siegestag im Völker-Mai!R. L.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
off, Paul Singer, Berlin, 1891
Digitalisat
de.wikisource.org — „Zum Fest der Arbeit“, Fassung 3.447.542 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Rudolf Lavant

Alle Gedichte von Rudolf Lavant ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Naturalismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.