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Versbuch

Zum VI. Deutschen Stenographentag

Rudolf Lavant · 18441915

65 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1900

Den Männern Heil aus allen deutschen Gauen,Die an der Elbe sommergrünen StrandDer Kunstgenossen ehrendes VertrauenZu ernster Tagung, weisem Rath entsandt!Den Männern Heil, die hier den Geist der Treue,Den Geist der Ehrfurcht und den hohen SinnBekunden werden und den Blick auf's Neue,Der edlen Kunst zu bleibendem Gewinn.

So mancher Kranz, so manche FahnenschleifeSchmückt unser Banner, das uns werth und lieb,Seit unsrer Kunst das Zeugniß edler ReifeMit fester Hand der Geist der Menschheit schrieb.Die Schule hofft, nach diesen Dresdner Tagen,Wo man den Druck der Bruderhand getauscht,Soll neuen Kranz und neue Schleifen tragenDas alte Banner stolz und ruhmumrauscht.

Es wallt das Blut uns leichter durch die AdernBei jedem Blick auf den gewalt’gen Thurm,Den wir gefügt aus wohlbehaunen Quadern,Der jedem Wetter trotzt und jedem Sturm.Die Schule weiß, nach diesen Dresdner TagenWird er, geprüft durch schlichter Eintracht Geist,Noch unnahbarer zu den Wolken ragen,Von Adlern des Gedankens nur umkreist.

Wie Franz Xaver die Arbeit einst begonnen,Der heute noch Bewunderung gebührt,So stetig hat, so wägend, so besonnenDie Schule sie bis heute fortgeführt.Auch Dresden wird in solchem Geiste waltenDes hohen Erbes und den festen Stab,Das gute Schwert aus edlem Stahl behalten,Das uns der Meister in die Hände gab.

Man mag getrost mit Nebendingen rechten,Wenn festen Boden erst der Fuß gewannUnd seine Neigung darf und soll verfechtenDer Wissende, so gut und scharf er kann.Das bringt den Thurm im Leben nicht in’s Wanken,Zu dem empor die Feinde neidisch seh’n;Das Fundament der führenden GedankenWird unverrückbar ewig fortbesteh’n.

Gerade Jene, die das Beste leisten,Die auf dem Grunde tiefsten Wissens ruh’n,Die zaudern auch, die zögern auch am meisten,Eh’ sie den kleinsten Schritt vom Wege thun.Die Phantasie des Neulings jagt in׳s WeiteUnd wagt auch Sprünge wohl auf gutes Glück —Die Schule hofft, der Geist des Meisters leiteZur rechten Zeit die Schweifenden zurück.

Ist es zu viel, was wir zu heischen wagenIn stiller Stunde, die den Blick uns klärt,Von diesen bunten arbeitsreichen Tagen?Wird Alles uns, was wir gehofft, gewährt?Es wäre klug vielleicht, sich zu bescheiden,Doch waren wir um unserer Treue Gold,Um unser Glück so oft schon zu beneiden —Sie bleiben sicher uns auch diesmal hold!

Du kommst nach ernster, reifer Ueberlegung,Kein Irrlicht lockt, es blendet Dich kein Dunst;Wir grüßen Dich in Hoffnung und BewegungMit Hand und Mund, Du Parlament der Kunst!Sei klar, sei fest, aus einem stolzen Gusse,Sei so, wie die Vergangenheit Dich kennt,Und lege nieder einen Kranz zum SchlusseAn Deines todten Meisters Monument!

Rudolf Lavant.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Dresdner Nachrichten, Liepsch & Reichardt, Dresden, 1900
Digitalisat
de.wikisource.org — „Zum VI. Deutschen Stenographentag“, Fassung 3.551.629 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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