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Versbuch

Die kleinen Wohltäter

Rudolf Lavant · 18441915

66 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1885

(Siehe hierzu das Farbenbild)

Die Fluren verschneit und die Pfade verweht —Nach Moosen die Hirsche scharren,Und durch die Kronen der Tannen gehtEin ängstliches Stöhnen und Knarren.Die Füchse bellen — der Rabe ziehtFeldein mit hungrigem Kreischen;Die Schaar der Vögel zum Menschen flieht,Um dort ein Körnchen zu heischen.

Es machte sie alle der Hunger kirr,Die scheuen, flinken Gesellen;Das ist ein Flattern und ein GeschwirrVor allen gastlichen Schwellen!Sie kennen die Fenster weit und breit,Die ihn spenden, den Brosamenregen —Sie picken sogar, wenn gekommen die Zeit,An die Scheiben halb zag, halb verwegen.

O möchte es nimmer vergebens sein,Dies hoffende Bitten und Werben,Und möchte vor Hunger kein VögeleinIm starrenden Forste verderben!So manchen Sänger aus Feld und HagErrettet, was Menschen verschwenden, —Und diese Gabe, die helfende, magDie Hand euer Kinderchen spenden.

Vögel und Kinder sind eng verwandt —Ist das so schwer zu entdecken?Schwärmen nicht beide, wenns sonnig im Land,Lärmend durch Busch und Hecken?Vögel und Kinder haben sich lieb —Friede herrscht zwischen beiden;Selber den Sperling, den zirpenden Dieb,Mögen die Kinder leiden.

Und Kinder lernen zu zeitig nieDas freundliche Helfen und Geben,Lernen zu früh nicht die SympatieMit allem, was atmet im Leben,Ob im Palaste das Füßchen glittUeber die marmornen Stufen,Ob unterm Schilfdach der Hütte mitLallen sie „Mutter“ gerufen.

Wer in den Tagen der Kindheit gelerntMildes und sanftes Erbarmen,Fühlt sich im Leben minder entferntVon den Aermsten und Armen.Hast du getrotzt dem eisigen Hauch,Hunger der Vögel zu lindern,Findest den Weg zu der Armut du auchUnd zu verschmachtenden Kindern.

Blicktest zum Vogel, von Weh durchzuckt,Mitleidvoll-gütig du nieder,Der in den Schnee vor dem Fenster sich duckt,Fröstelnd gesträubt das Gefieder,Rührt dich als ernsten, gefesteten MannIn einer Weltstadt MitteTiefer, als Flehen dich rühren kann,Eines Kinderblicks stumme Bitte.

Innerlich nah bis zum letzten TagBleibt allem menschlichen Wesen,Wer’s noch in Alter und Kummer vermag,In den Augen der Kinder zu lesen.Allen Jubel und alles WehFühlet er mit uns noch heute,Weil er als Kind den Vögeln im SchneeKörner und Bröckchen einst streute.R. Lavant.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
off, Auer/Hamburg und J.H.W. Dietz/Stuttgart (in Kommission), Leipzig, 1885
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die kleinen Wohltäter“, Fassung 3.518.926 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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