Weihnacht
Rudolf Lavant · 1844–1915
50 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt im Oktober 1880
Ihr kennt das Vöglein, farbig angeflogen,Das durch der Tannen breit Geäste schlüpft,An dessen Schnabel, übers Kreuz gebogen,Sich eine lieblich-zarte Sage knüpft?Dann wißt ihr auch, daß er im Winter brütetUnd nicht im Lenz, wie’s andrer Vögel Brauch,Und daß er zärtlich seine Jungen hütetVor der Dezemberstürme eis’gem Hauch.
Was treibt ihn nur, die schönste LiebesfeierIn jener Zeit der Starre zu begeh’n,Wenn nur des Rauchfrost’s duft’ge lose SchleierSein kleines Nest, sein kunstvoll Heim umweh’n?Ihr steht und staunt und ― solltet doch nicht fragen.Das Vöglein baut zur Weihnachtszeit sein Nest,Und wir begeh‘n in diesen rauhen TagenDer Liebe schönes, weihevolles Fest.
Warum nicht dann, wenn froh die Lerchen steigen,Die Schwingen badend in der Sonne Licht,Wenn weit und breit aus leicht geschwellten ZweigenDas junge Grün nach warmem Regen bricht?Warum nicht dann, wenn lind die Saaten wogen,Der Rosen Düfte uns in’s Freie banntUnd siebenfarbig sich der RegenbogenVon Berg zu Berg als Liebesbrücke spannt?
Das Vöglein ätzt geduldig seine JungenUnd hüllt sie ein mit seinem weichen FlaumUnd weicht die Körnchen für die kleinen ZungenBedächtig auf und spürt die Kälte kaum.Wir sind bewegt in unsrer Seele GründenUnd sind auf Eins nur früh und spät bedacht:Dem Kinderhäuflein wieder anzuzündenDen Lichterbaum in kalter Winternacht. Wir opfern lächelnd die gesparten GroschenFür einen Kuß vom ros’gen Kindermund,Und Herzen selbst, die still in sich verloschen,Wird ungewohnte sanfte Regung kund.Der Nadelduft vereint entzweite GattenUnd uns’rer Feinde denken wir erweicht;Erprobt es nur ― in eines Christbaums SchattenVergibt es sich, vergißt es sich so leicht!
In dieser Welt des Hasses und des NeidesEin Fest der Liebe? Ist es nicht ein Traum?Und doch der Quell, der sprudelnde, des Leides,Er scheint verstopft, umduftet uns der Baum,Ein Wunder ist’s wie jene Liebesfeier,Wie Bau’n und Brüten zwischen Schnee und Eis.Wer hebt der beiden schönen Wunder Schleier,Und welchem Wunder geben wir den Preis?
Rudolf Lavant.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- off, Wilhelm Fink, Leipzig, im Oktober 1880
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Weihnacht“, Fassung 4.638.726 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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