Weihnacht 1888
Rudolf Lavant · 1844–1915
56 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Ihr sagt von uns, wir seien abgestorbenIm Lebenskampf dem kindlichen Gefühl;Wir seien Richter, forschend, streng und kühl,Und für der Andacht Zauber längst verdorben.Wie ihr’s versteht, so lassen wir es gelten,In tiefrem Sinne aber gilt es nicht –Wir pflegen nur in andrem, hellrem LichtZu sehn die „bestgestaltete der Welten.“
Wir, die wir nicht im kalten Golde wühlen,Das ihr zum Maßstab der Gesittung macht,Ihr könnt uns glauben, daß in dieser NachtTiefer als ihr und inniger wir fühlen.Ihr könnt uns glauben, daß der Andacht WaltenHinab zur Brust das Haupt gelind uns neigt,Daß es uns heiß und feucht ins Auge steigtUnd daß die Hand vor das Gesicht wir halten.
Ein Fest der Kindheit wollt ihr doch begehen,Das euch zugleich an goldne Tage mahnt;Glaubt ihr, daß näher als ihr denkt und ahntDem Elternherzen unsre Kinder stehen?Ihr werdet tiefer unser Lieben finden,Als selbst das eure, wenn ihr es begreift:Im Kuß, der unsrer Kinder Lippen streift,Liegt ja ein bitter-schmerzliches Empfinden.
Ihr könnt nicht wissen, was, heraufbeschworenAus tiefster Brust, in uns sich mächtig regt,Wenn uns ans Herz die junge Mutter legtDas Kind, das sie in Schmerzen uns geboren.Ihr könnt nicht wissen, wie es uns durchschauert,Wenn unser Kind die ersten Worte lallt,Wenn es zuerst die kleinen Fäustchen ballt,Und wie die Seele unwillkürlich trauert.
Wir lieben sie, die Kleinen dort im Wagen,Nicht wie ein Spielzeug, äffisch nicht und blind,Nein, weil sie Opfer einer Ordnung sind,An der wir uns die Schultern wund getragen.Wir lieben sie, wir möchten sie beschenkenMit Kinderglück und jeder Kinderlust –Zieht doch der Gram auf immer in die Brust,Wenn sie die Welt erfaßt mit ihrem Denken.
Wir lieben doppelt sie, weil sie erlesenZu Erben sind und Trägern der Idee,Die unser Stern in Bitterkeit und Weh,Die unser Trost und unser Stolz gewesen.Wir lieben doppelt sie, denn künftig tragenDas reine Banner sie in Leid und Noth,Das von der Arbeit erstem AufgebotGlorreich entfaltet ward in unsern Tagen.
Das wird euch wieder überschwänglich scheinen,Wie jedes Fühlen, das ihr nicht begreift,Doch stehen wir, wenn unsre Lippe streiftDer Kleinen Stirn mit unterdrücktem Weinen,Dem Weltgeheimniß, das wir Liebe nennen,Um Vieles näher, als das Bürgerthum,Das, wie es sagt, des Volkes Kern und Ruhm,Mag hundertkerzig auch sein Christbaum brennen.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- In Reih und Glied, 1. Auflage, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Weihnacht 1888“, Fassung 3.778.941 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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