Die Sonnenburg bei Wiesbaden
Heinrich Kämpchen · 1847–1912
30 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1909
Dorf Sonnenberg liegt tief im Talesgrunde,Doch über ihm, hoch wie ein Aar in Lüften,Erhebt die Burg sich auf der Felsrotunde.
Zerfallen jetzt – doch einst in stolzen PrächtenWar Residenz sie eines deutschen Königs,Und wert darum, daß ihrer wir gedächten.
Der Luxemburger hat hier Hof gehaltenUnd manchem wackern Kämpen im TurniereDen Halsberg und das Helmvisier zerspalten.
Da zog der Minstrel zu der stolzen Veste,Von Harfenklang erschollen die Kemnaten –Doch längst zerstoben ist der Schwarm der Gäste.
Zuweilen nur noch, wie der Volksmund kündet,Erwacht auch hier geheimnisvolles Leben,Wo Grauen mit der Schönheit sich verbündet.
Um Mitternacht, ganz plötzlich, unvermutet –Der düst’re Fels träumt von vergang’nen Tagen,Wenn bleiches Mondlicht seine Stirn umflutet.
Da hallt die Burg von lautem Waffenklirren,Von Heroldsrufen und Gestampf der Rosse,Und Schwerterblitze durch das Dunkel schwirren.
Und wieder plötzlich tönen süße WeisenZum Lob der Minne zu der Laute Klange,Es will der Sänger seine Dame preisen.
So hallt’s zuweilen noch in stillen Nächten,Und wer den süßen Zaubersang vernommen,Fühlt sich gebannt von wundersamen Mächten.
Mir ward die Mär, als ich im Julibrande,Vor Jahresfrist, die Sonnenburg erklommenUnd Ausschau hielt vom höchsten Zinnenrande.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Was die Ruhr mir sang, S. 85-86, k. A., Hansmann & Co., Bochum, 1909
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Sonnenburg bei Wiesbaden (Kämpchen)“, Fassung 3.575.577 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Kämpchen starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 12060812X der Deutschen Nationalbibliothek.
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