Zum Inhalt springen
Versbuch

Weihnachten

Rudolf Lavant · 18441915

49 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1894

Als ich ein ahnungsloses Kind noch war ―Wie preßt’ ich da die Wangen an die Scheiben,Sah ich die ersten grauen Flocken treibenIm Zug der Luft ― wie ward mir wunderbar!Ich sah im Wachen und ich sah im Traum,Besteckt mit brennenden, mit lichten Kerzen,den nadelduft’gen, grünen Tannenbaum ―Und „Weihnacht!“ jauchzte es im kleinen Herzen.

Ich sah im Geiste all den bunten Tand,Den an dem großen, langersehnten Morgen,Halb aufgebaut und halb im Moos verborgen,An meines Christbaums Fuß ich fiebernd fand;Und in ein Traumnetz hat der Kerzen ScheinDas Kinderherz im Voraus eingesponnen;Ein Lächeln auf den Lippen, schlief ich einUnd freute still mich, daß ein Tag verronnen.

Der schöne Traum verwehte und zerrannUnd keine Macht der Welt kann ihn erneuern;Ich hörte auf, mich wie ein Kind zu freuenUnd bitter war, was ich dafür gewann.Ich ward verstrickt in der Gedanken StreitUnd wenn sich doch das Herz verstohlen sonnteIn einem warmen Strahl zur Weihnachtszeit,So war es nur, weil ich bescheeren konnte.

Dies beste Mittel wider eignes LeidHab’ ich erprobt in winterlichen Tagen;Ich ließ die Kinder rathen, forschen, fragenUnd nur ein Räthsel mehr war der Bescheid.Oft war der Kopf, oft war das Herz mir schwerVon Sorgen, die dem Tartarus entstammen,Und dennoch trug ich wochenlang vorherFürs kleine Volk den bunten Tand zusammen.

Nun ist auch das verklungen und verweht,Nun ist auch dieses Schattenglück vorüber!Nur etwas ernster noch bin ich und trüber,Wenn diesem Fest die Welt entgegengeht.Ich muß ― so will’s ein zwingendes Gebot ―Das Loos der Aermsten mitleidvoll ergründen,Die ewig ringen mit der fahlen NothUnd keinen Christbaum ihren Kindern zünden.

Wann wird erlöst von der verhaßten FrohnDas arme Volk, das stumm sich müht auf Erden?Wann wird ein Christbaum ihm errichtet werden,Das jetzt sich quält um einen Hungerlohn?Wann läßt man sie, die Ausgesperrten, ein?Wann wird, wenn hell die Weihnachtsglocken hallen,Auf Erden Friede, tiefer Friede seinUnd allen Athmenden ein Wohlgefallen?R.L.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Der Wahre Jacob, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1894
Digitalisat
de.wikisource.org — „Weihnachten (Rud Lavant)“, Fassung 3.466.773 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Rudolf Lavant

Alle Gedichte von Rudolf Lavant ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Naturalismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.