Liebesfrühling im Herbst
Rudolf Lavant · 1844–1915
81 Zeilen in 11 Strophen · zuerst gedruckt 1893
(1883.)
Nun weht es rau und scharf aus Norden,Und immer früher kommt die Nacht;Die Welt ist seltsam ernst geworden,trotz ihrer bunten Laubespracht,Und von der Herbstnacht muß ich träumen,Die weiß die Dächer überreiftUnd von den Büschen, von den Bäumen,Die letzten welken Blätter streift.
Es ist still – nur eine MeiseSchlüpft auf dem alten ApfelbaumDurch das Gezweig und flüstert leiseUnd sträubt wie fröstelnd ihren Flaum.Kein Summen mehr von ems’gen Bienen;Kein Falter irrt, ein Spiel der Luft,Um Astern her und GeorginenUnd andre Blumen ohne Duft.
Durch dürres Laub verfolgt der RüdeIm Wald des flücht’gen Wildes Spur.Das ist die Zeit, da legt sich müdeZurück zum Schlummer die Natur;Der Rede Fluß beginnt zu stocken,Die Lider schließt ein sanfter DruckUnd ihren Händen, ihren LockenEntfällt der Blumen bunter Schmuck.
So oft ich sonst in diesen TagenDen Wald, mein grünes Reich, gesehn,Schien mir ein scheues, irres KlagenDurch seinen Säulensaal zu gehn,Und meinem Lauschen wollt’ es scheinen,Als höre man zu dieser ZeitEin leises, unterdrücktes Weinen,Ein banges Schluchzen weit und breit.
Ich habe dieses trübe Wähnen,In Trauer selber, nicht gescheut;Mir war so weh – von stummen ThränenWar Auge mir und Wange feucht.Mir war, sah ich auf allen WegenIm Wirbeln welkes Laub sich drehn,Als müßt’ ich still mich niederlegen,Um nimmer wieder aufzustehn.
Auch dieser Herbst hat seine Schauer,Auch er ist wehmuthweckend still –Wie kommt es nur, dass keine TrauerIn meiner Brust sich regen will?Was läßt dies Welken und VergehenNur diesmal unberührt den Sinn?Was ist mit mir, in mir geschehen,Daß ich so froh und muthig bin?
Ich muß es vor der Welt verschweigen,Denn sie ist arg und falsch und schlecht –Du giebst mit einem leichten NeigenDes Hauptes deinem Freunde recht?Du weißt, es ward dem FriedelosenIn dir der herrlichste Gewinn,Du nimmst des Gartens letzte RosenMit himmlisch-stillem Lächeln hin.
Der Winter kommt und wir frohlocken,Und haben’s weislich überdacht,Denn tanzen in der Luft die Flocken,So währet länger ja die Nacht,Und muß nach reichem LiebesmahleDein Freund hinaus in Nacht und Reif,So dämmert nicht im Ost der fahle,Der immer unwillkommne Streif.
Es wird kein Hahnenkrähen schneidenHinein in Kuß und Liebeswort,Wenn halbe Stunden lang wir scheiden,Es weckt kein: „Horch, nun mußt du fort!“Im Dunkel lenk’ ich heim die SchritteUnd wenn vorbei der Wächter geht,So hat im Schnee die Spur der TritteDer Wind bedächtig zugeweht.
Du drohst mir scherzend und voll Güte:„Wo bleibt dein Vorsatz? halte ein!Es sollte diese WunderblütheJa aller Welt verborgen sein!Nun giebst du selbst der argen, schlechtenDie Fülle unsres Glückes kund?“ –Und einen Finger deiner RechtenLegst du auf deines Dichters Mund.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- In Reih und Glied, 1. Auflage, Verlag von J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Liebesfrühling im Herbst“, Fassung 4.638.699 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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