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Versbuch

Die Flinte schießt, der Säbel haut

Rudolf Lavant · 18441915

104 Zeilen in 13 Strophen · zuerst gedruckt 1965

Es sprach das große Wort gelassenUnd kühl der Herr Minister aus,Und dennoch fand es auf die GassenDer Kaiserstadt den Weg hinaus.Es schwieg das Lärmen und das SummenFür Augenblicke; klar und lautKlangs durch das plötzliche Verstummen:„Die Flinte schießt, der Säbel haut!“

Und weiter wehten es die Lüfte,Das treffliche Ministerwort,Und trugen’s über Berg und KlüfteIn alle deutschen Gaue fort.Es summt, die Arme rührend, leiseDer Arbeit Volk, vor dem dir graut,Nach einer selbstgeschaffnen Weise:„Die Flinte schießt, der Säbel haut!“

Das war ein Wort, so ernst und ehrlich,Ein Wort aus tiefstem Herzensgrund,Wie wir’s bis diese Stunde schwerlichVernommen aus Ministermund.Nimm unsern Dank! Ja, du bist offen!Nun weiß man doch, worauf ihr baut,Nun weiß man doch, was euer Hoffen! –„Die Flinte schießt, der Säbel haut!“

Es scheint, daß von GesetzestitelnUnd von dem vielerprobten „Recht“,Daß ihr von euren innern MittelnEuch herzlich wenig nur versprecht.Es scheint, daß man im Rat der WeisenNur äußern Mitteln noch vertraut,Der Pferdekur mit Blut und Eisen:„Die Flinte schießt, der Säbel haut!“

Ich geb es zu, es ist verdrießlich,Wenn man sich plagt ein volles JahrUnd wenn der Liebe Mühen schließlichSo ganz und gar verloren war.Und schießt die Saat, die man zerschlagen,Nur immer üppiger ins Kraut,So mag man wohl sich knirschend sagen:„Die Flinte schießt, der Säbel haut!“

Ihr seht in Schwaben wie in SachsenUnd in der zähen Holsten LandDie Schar der kecken Dränger wachsen,Ja selbst im Brandenburger Sand;Und wenn ihr so, verzagt, beklommenUnd ratlos an den Federn kaut,Mag wohl euch der Gedanke kommen:„Die Flinte schießt, der Säbel haut.“

Ihr kerkert ein, ihr laßt bestrafen,Ihr übertrefft euch selber fast,Ihr dreht und biegt die Paragraphen –Und dennoch keine Ruh und Rast.Die Massen aufgewühlt im GrundeSoweit der liebe Himmel blaut –Da zischt’s denn aus gekniff’nem Munde:„Die Flinte schießt, der Säbel haut.“

Es ist im weiten deutschen ReicheVielleicht so manchem viel zu still –Warum das Volk, das hungerbleiche,Nur gar nicht revoltieren will?Der Kessel hat in frühern TagenJa auch gebrodelt und gebraut,Und wir, wir würden gerne sagen:„Die Flinte schießt, der Säbel haut.“

Wie schade doch, daß die PatronenIm Magazin so müßig ruhn!Die hübschen schlanken blauen Bohnen,Sie würden sicher Wunder tun;Das ist die grundsolide SpeiseDie jeder Magen schwer verdaut –Dann würde wahr das Wort, das weise:„Die Flinte schießt, der Säbel haut!“

Man übte so in wenig TagenDie jungen Krieger praktisch ein,Und die sich früher schon geschlagen,Sie blieben in der Übung fein.Das Volk wird ewig radotieren,Bis Blut das Pflaster rot betaut;Und muß es nicht die Schlacht verlieren?„Die Flinte schießt, der Säbel haut!“

Gemach, ihr Herrn! So mag’s euch scheinen,Doch wer gibt Siegel euch und Brief?Man hat Exempel, sollt ich meinen,Zuweilen geht die Sache schief.Habt ihr denn ganz und gar vergessen,Was eure Kaiserstadt geschaut,Daß ihr nun ruft so stolz-vermessen:„Die Flinte schießt, der Säbel haut!“?

Habt ihr vergessen, wie die MasseVors Schloßportal die Toten trug,Und wie das arme Volk der GasseDes Königs schmucke Garden schlug?Wie es verstand, die Faust zu ballen,Und wie den Prinzen es vertriebIn seines Zornes Überwallen?Die Flinte schoß, der Säbel hieb.

Und weil, wie groß auch ihre Leiden,Nicht an Gewalt die Masse denkt,Und weil, wenn Waffen erst entscheiden,Vielleicht sich ihre Schale senkt,Drum streutest du des Hasses SamenMit jenem Worte herzlos-laut,Das fürder klebt an deinem Namen:„Die Flinte schießt, der Säbel haut!“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Rudolf Lavant Gedichte, 3. Auflage, Akademie-Verlag, Berlin, 1965
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Flinte schießt, der Säbel haut“, Fassung 3.501.624 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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