Märzgedanken
Rudolf Lavant · 1844–1915
40 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1965
Als ich ein Knabe noch mit lock’gem Haar,Der ohne Arg auf jeden zugeschritten,Als ich ein ahnungsloses Kind noch war,Da hab ich schon von Haß und Hohn gelitten.Ich weiß noch gut, wie bitter weh es tat,Hört ich auf mich die harten Worte zielen:„Sein Vater ist ein roter Demokrat –Es schickt sich nicht, mit solcher Brut zu spielen.“
Ein tiefer Schatten fiel auf all mein Glück,Ich lernte früh, im stillen mich zu härmen.Ich zog mich schüchtern in mich selbst zurückUnd hielt mich abseits von der Kinder Lärmen.Im stillen Wald ging ich mit mir zu Rat’,Und an der Wimper hing die Knabenzähre:„Was ist das nur, ein roter Demokrat,Und was kann Vater tun, das unrecht wäre?“
Und als der Freiheit Tod- und RacheschreiErgriffen mich in meinem tiefsten Wesen,Als man den Haß auf jede TyranneiAuch ohne Wort in meinem Blick gelesen –Erhobnen Fingers, warnend, mahnend tratZum jungen Hitzkopf mancher Kluge, Gute:„Dein Vater war ein roter Demokrat;Das spukt dir nun naturgemäß im Blute!“
Und als der Schnee mir fiel aufs dunkle HaarUnd dennoch ich mit Feuer statt mit WasserNoch immer taufte und noch immer warFür jeden Druck ein unversöhnter Hasser,Da glaubten denn die Stützen für den Staat,Sie dürften mich, den Unentwegten, schrauben:„Wie, Freund, noch immer roter Demokrat?Auch heute noch? Das ist doch nicht zu glauben!“
Ich werde immer für die Freiheit glühn,Ich werde immer für die Freiheit kämpfen,Und kindisch ist das ängstliche Bemühn,Den trotzigen Rebellensinn zu dämpfen;Und wenn den letzten Atemzug ich tat,Könnt ihr mein Leben in die Worte fassen:„Er war und blieb ein roter Demokrat,Und seine Fahne hat er nie verlassen!“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Rudolf Lavant Gedichte, 3. Auflage, Akademie Verlag, Berlin, 1965
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Märzgedanken“, Fassung 3.492.505 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.