Mater dolorosa
Rudolf Lavant · 1844–1915
29 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1914
Als seinen Weg zu mir das Unheil fandUnd mir den Gatten nahm, den treuen, lieben,Nahm ich das Herz entschlossen in die Hand ―Ein Trost in meinem Leid war mir geblieben.
Aus dem verarmten Leben durft’ ich nicht,Obgleich es doch so nahe lag, entfliehen ―Ich hatte noch die hohe, heil’ge Pflicht,Den blonden Buben liebend großzuziehen.
Und die mich rastlos an der Arbeit sahn,Die manches Mal die Kraft beinah vernichtet,Die wissen, wie ich meine Pflicht getan,Den Blick allein auf dieses Ziel gerichtet.
Mein Bube aber hat mir’s leicht gemachtUnd hielt in Brand der frohen Hoffnung Kerzen ―Er hat an mich und nie an sich gedacht,Er war ein Sohn nach jeder Mutter Herzen.
Ein starkes Pflichtgefühl hat ihn genährt,Und Liebe nur hab’ ich im Blick gelesen;In ihm erstand verschönert und verklärtZum zweitenmal des toten Vaters Wesen.
Und als der Krieg, der fürchterliche, kam,Der unbarmherzig Leich’ auf Leichen schichtet,Als mir das Heer mein Ein und Alles nahm,Ward auch der Opfer bitterstes entrichtet.
Des Todes Faust hat ihn hinweggerafft,Und während draußen Siegeslieder schallen,Ist es vorbei mit meiner letzten Kraft…Mein einz’ges Glück, mein blonder Bub, gefallen.R.L.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der Wahre Jacob, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1914
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Mater dolorosa“, Fassung 3.440.239 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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