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Versbuch

Mai-Feier.

Rudolf Lavant · 18441915

57 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1897

Sie sagen stets, daß wir zu viel verlangen,Daß wir das Letzte, Aeußerste erstreben,Daß wir von jeher viel zu weit gegangen ―Wann aber hätten sie von selbst gegeben?Wann hätten sie das Kleinste zugestanden,Bevor die Furcht, das Grauen sie gezwungen,Und welcher Schritt, den viel zu kurz wir fanden,Ward ihnen nicht im Kampfe abgerungen?

Und wenn sie widerwillig sich entschlossen,Empor zu steigen auf der hohen Leiter,Um eine einz’ge ihrer vielen Sprossen,Hieß es nicht stets: „Bis hierher und nicht weiter?“Hat man nicht stets durch tausend SöldnerfedernDen winz’gen Schritt begeistert feiern lassen,Als wäre abgedroschen nun und ledernDas herbe Thema von der Noth der Massen?

Wann sollten wir als Gnade nicht empfangenMit nassen Augen und gekrümmtem Rücken,Was wir unbeugsam als ein Recht verlangen,Das die Natur verbrieft in allen Stücken?Wann fanden jemals des Besitzes HaltungAnders als kleinlich wir, beschränkt und kläglich?Wann nannte je des Volkes MachtentfaltungAnders als schädlich er und unerträglich?

Wann schauten sie auf uns und unsre SorgenMit andern als mit „indignirten“ Blicken?Wann hätten sie den argen Wunsch verborgen,Den „frechen Trotz“ in Herzblut zu ersticken?Wann war das stumme Schmachten zu verkennen,Auf ihren Knieen den Heros anzubetenUnd zum Gesittungsretter zu ernennen,Der unsre Fahne in den Koth getreten?

Wann sickerte sie nicht aus allen Poren,Die Lust, dem Volke seine unbequemen,Fatalen Rechte, die sie mitbeschworen,Arg zu verstümmeln oder ganz zu nehmen?Und wo’s geschah, sei es im deutschen Lande,Sei’s in der Fremde ― ließ im UeberwallenDer Herzensfreude da die ganze BandeNicht beifallklatschend ihre Maske fallen?

Doch wenn es gilt, für unser Wohl zu wirken,Erhebt sich nicht in Parlament und Kammern,Ein Echo weckend in den Wahlbezirken,Ein thränenreiches, heuchlerisches Jammern,Als ob ein Hunnen- und Vandalenwüthen,Mit plumpem Schwerte und mit rother LoheAuf dieser Erde alle WunderblüthenModerner Bildung zu vernichten drohe?

Mit solchen Gegnern muß man deutlich redenUnd nicht zu zaghaft sein und zu bescheiden,Ist krampfhaft doch ihr streben, einen jeden,Und sei’s der zahmste, Fortschritt zu beschneiden.Drum wird vom Volke, das sei nach BeliebenSchon viel zu lang gehudelt und geschunden,Den Knirschenden für künftig vorgeschrieben:„Nicht zehn, nicht neun, nur noch ― acht Arbeitsstunden!“R. L.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
off, Paul Singer, Berlin, 1897
Digitalisat
de.wikisource.org — „Mai-Feier“, Fassung 3.534.318 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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