Ludwig Uhland
Rudolf Lavant · 1844–1915
40 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1965
Wenn heut der kernig treue Schwabe,Der Mann von klarem, starkem Geist,Emporgewallt aus seinem Grabe,Vernähme, wie ihn Deutschland preist,Er fühlte schwerlich sich gefeiertUnd spräche ernst, bestimmt und schlicht:„Der Mann, vor dessen Bild ihr leiert,Wer es auch sei, ich bin es nicht!"
Und wider sie, die so geschäftigDen Demokraten ausgebeint,Daß jedes Zugs, der frei und kräftigUnd mutig, er entkleidet scheint,Erhöbe in gerechtem GrimmeAls Zeugnis er sein LiederbuchUnd schleuderte mit lauter StimmeDann wider sie „des Sängers Fluch".
Ihr habt an ihm herumgedrechselt,Herumgeschnitzelt und gedreht,Daß er zuletzt wie ausgewechseltAls Zerrbild vor dem Volke steht:Aus ihm, der aus gepreßter KehleDas Lied sang von der Völkerschlacht,Habt ihr die richt’ge KautschukseeleNach Tübinger Modell gemacht.
Muß jeder ganze Mann auf Erden,Den großer Tage Sturm erfaßt,Verhunzt, verzerrt, verkleinert werden,Bis er zu euch am Ende paßt?Ist euch kein Haupt so hoch gefürstetDurch Adel, den kein Fürst verliehn,Daß ihr nicht rastlos danach dürstet,Es zu euch selbst hinabzuziehn?
Doch wird es nie und nie gelingen,Und wenn ihr dicke Bände sprecht!Er ließ zuerst die Leier klingen,Die goldne, für des Volkes Recht;Er hat die scharfen Liederfehden,Den Groll, den Zorn dem Volk gelehrt –Ein Ruhm, den ihr durch tausend RedenNicht wieder in den Winkel kehrt!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Rudolf Lavant Gedichte, S. 25–26, 3. Auflage, Akademie Verlag, Berlin, 1965
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Ludwig Uhland (Gedicht)“, Fassung 3.492.464 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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