Zum Inhalt springen
Versbuch

Mein kleiner Bube

Rudolf Lavant · 18441915

80 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1893

Sie wissen nicht, wie oft ich steheDes Nachts an seiner Lagerstatt,Und wie ein seltsam-süßes WeheMich jedesmal ergriffen hat,Wenn auf des kleinen Schläfers WangenSich weich die seidne Wimper schmiegt,Wenn er, in holdem Traum befangen,In seinen weißen Kissen liegt.

Wie ruhet er in sanftem Schlummer,Als könne auf der LebensbahnMit seiner dunklen Macht der KummerDem ros’gen Schläfer nimmer nahn!Es kommen dunkle, weiche, irreUnd sanfte Laute, hörbar kaum,Von seinen Lippen, fast als girreEin Vögelchen in halbem Traum.

Und wenn, des Spieles müde, leiseDer Knabe an mein Knie sich schmiegt,Wenn still auf meiner Hand die heiße,Die dunkelrothe Wange liegt,Wenn er mit unverdroßnem QuälenMein Lesen und mein Sinnen stört,Bis seine Bitte, zu erzählen,Dem kleinen Schmeichler ich erhört. –

Wie ist er lieb und gut! Wie schauenDen märchenkund’gen Vater dannIn frohem, hoffendem VertrauenDie großen blauen Augen an!Dann denk’ ich wohl: Er soll nicht weinen,Weil strenge er und rau mich fand!Und aus der Stirne streicht dem KleinenDie wirren Locken meine Hand.

Und kann er mir zur Seite schreitenIn Sonnenbrand und Sturmgebraus,Dann soll er fröhlich mich begleitenIns Feld und in den Forst hinaus,Dann will ich sorgen, daß er lerneDer Vögel Ruf und ihre ArtUnd wie das bunte Heer der SterneZu Bildern sich am Himmel schaart.

Er soll die Bäume unterscheidenNach ihrer Laub- und NadeltrachtUnd seine jungen Augen weidenAn unsrer Falter Farbenpracht,Er soll mir jede Blume kennenUnd jeden Busch im WaldrevierUnd ihre Namen soll er nennenIn wissensfrohem Stolze mir.

Wie sie mich einstmals aufgezogenIn frischer, herber BergesluftUnd wie ich durstig eingesogenDer düstren Tannenwälder Duft,Wie ich in meinen KnabenjahrenIm Moos verfolgt des Wildes Spur,So soll auch er an sich erfahrenDen vollen Zauber der Natur.

Wie sich zur treuen Mutter wendetEin Kind mit seinem kleinen HarmUnd wie sein bittres Weinen endetAuf ihrem Schooß, in ihrem Arm,So soll Vergessenheit er suchenIm Leid und einen süßen TraumAuf Bergeshöh’n, bei grünen BuchenUnd an des Meeres Dünensaum.

Er soll mir treu der Mutter bleiben,Der milden, gütigen Natur –Wir haben, wenn der Menschen TreibenUns widert, diese Zuflucht nur.Mit kühlem Hauche uns zu fächelnDie Stirn, ist immer sie bereit,Und leise weicht vor ihrem LächelnDie tiefste, herbste Bitterkeit.

Wenn er mit rechtem Ohr zu lauschenDem Zwitschern und Gezirp versteht,Dem tiefen, feierlichen Rauschen,Das durch die Föhrenwipfel geht,Dann wird – und stürme alles HassenDer Erde feindlich auf ihn ein –Er nimmer ganz und gar verlassenUnd nimmer ohne Tröster sein.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
In Reih und Glied, 1. Auflage, Verlag von J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Mein kleiner Bube“, Fassung 4.458.722 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Rudolf Lavant

Alle Gedichte von Rudolf Lavant ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Naturalismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.