Der erste Akt
Rudolf Lavant · 1844–1915
89 Zeilen in 12 Strophen · zuerst gedruckt 1893
(1890.)
Das war vor der EntscheidungsschlachtIn eurem Lager wüstes Lärmen!Die Becher klangen durch die Nacht,Musik, Geschrei und trunknes Schwärmen.Wir sahen euch im Tanze drehnDurch euer Lagerfeuer QualmenUnd ließen uns herüberwehnVom Wind die Melodie von Psalmen.
Da ward gebetet und geflucht,Denn abseits von der tollen RotteHat zitternd Trost und Schutz gesuchtDas Muckerthum bei seinem Gotte;Und während auf den Knieen lagMit Angstgeplärr der Troß der Pfaffen,Schliff pfeifend für den „Ehrentag“Der Uebermuth sich seine Waffen.
So habt ihr, prahlend und verzagtUnd mit geheucheltem Vertrauen,Die Nacht verjubelt und verklagt,Statt ernst aufs gute Recht zu bauen;Und während still das Dunkel wichDem Tag und seiner Strahlenkrone,Vollzog in finstrem Schweigen sichDer Aufmarsch unsrer Bataillone.
Vernehmlich liefen durch die Reih’nGeflüsterte Kommandoworte;Ein Jeder stand im MorgenscheinGeschlossen am bestimmten Orte.Wir wußten, wo der Gegner stand,Und konnten nicht im Wege irren,Und wenn ein Laut sich hob und schwand,So war’s der Waffen leises Klirren.
Wohl krampfte zornig sich die Hand,Wohl schlug das Herz in heißem Grimme,Doch selbst die tiefste Wallung fandIn diesen Stunden keine Stimme,Und kaum ein Lächeln ward getauschtVon Freunden, wie ein ernstes Mahnen,Als leicht im Morgenwind gerauschtDie ehrenreichen rothen Fahnen.
Ein Wink, dann ein Trompetenstoß,Ein Schrei des Hasses tausendstimmig –Und furchtbar brach das Wetter los,Wildschön, erhaben, aber grimmig!Das war kein zierlich Lanzenspiel,Das war ein Kampf auf Tod und Leben,Und wer von unsern Hieben fiel,Dem wurde kein Pardon gegeben.
Und wie sie fielen! Links und rechtsBrach’s wie der Sturm in ihre Glieder,Warf rauh die derbe Faust des KnechtsDie zarten, seidnen Herrlein nieder.Der Sturm zerblies ihr Heer wie Schaum –Sie suchten sich umsonst zu sammeln,Und selbst die Frömmsten fanden kaumDie Zeit, ein Stoßgebet zu stammeln.
Ward deinesgleichen je gesehn,Gewaltigste der Niederlagen?Um die Armada war’s geschehn,Bevor sie sich noch recht geschlagen;Und mancher prahlerische Held,Geziert mit Federn und mit Ketten,Irrt jammernd flüchtig übers FeldUnd sucht verzweifelnd sich zu retten.
Die sich gebrüstet und gebläht,Als ob sie Keiner jemals schlage –Wie Garben liegen sie gemähtNach diesem großen Ehrentage,Und die voll Hochmuth uns gedroht,Daß sie uns fesselten und bänden –Kein Hund nimmt einen Bissen BrotNach diesem Tag aus ihren Händen.
Nach ihren stolzen Fahnen greiftDie Hand des Niedrigsten und Letzten;Durch Blut und Koth der Wahlstatt schleiftEr spöttisch singend die zerfetzten:Und was nur splitterte, nicht brach,Entrann nicht rächenden Geschicken,Denn unter dieser Last von SchmachWird es wie Rohr zusammenknicken.
Wir aber stehen stumm und dichtIn Massen wieder und Kolonnen;Wir sind die blöden Narren nicht,Zu glauben, Alles sei gewonnen.Das große Schauspiel hat gepackt –Es kehrt mit einem Eisenbesen;Doch ist’s, ihr Herrn, der erste AktDes Riesendramas nur gewesen!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- In Reih und Glied, 1. Auflage, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der erste Akt“, Fassung 3.521.108 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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