Altendorf
Heinrich Kämpchen · 1847–1912
80 Zeilen · zuerst gedruckt 1909
Mein Altendorf, du liebliches GeländeAm schönen Ruhrafluß, ich grüße dich!In dir hab’ ich das Licht der Welt erblicktUnd meine Wiege hast geschaukelt duMit Lust und Zärtlichkeit, viellieber Ort.Hellglänzend, wie ein Silberband, so fließtDie Ruhr zu Füßen dir, du aber dehnst,In reizendem Gemisch von Feld und Hag,Vor meinen Blicken dich – lachend und schön.Mag auch der Vielgereiste deinen WertBewundern nicht wie ich, der ich dein Sohn –Und stolzer mag der Rhein und prächtigerDie Wogen wälzen durch noch schön’re Au’n,Als deine sind – du bleibst mir darum dochDer liebste Flecken Erde – Heimatdorf. –Und bist du schön und lieblich immerdar,Wie herrlich prangst du erst zur MaienzeitIm Schmuck der Blütenbäume, weiß und rot!Kaum lugen deine Giebel noch hervorAus all dem Grün – die Burgruine nur,Obwohl des Zinnenkranzes längst beraubt,Schaut über dich hinweg in’s Land so weit.Die alte Burg, wie ist sie mir vertrautMit Wall und Turm und finst’rem Mauerwerk!Wie oft hab’ ich durchstöbert ihr VerließUnd nach verborg’nen Schätzen dort gesuchtAls kleiner Knabe und war hochbeglückt,Bracht’ ich auch bunte Scherben nur nach Haus. –Nach Haus – o nein – es war ein Häuschen nurMit nied’rem Dach und weißgetünchter Wand –Doch Vater, Mutter machten es zum Schloß,Zum Paradiese mir. – Noch steht es heut’,Bewohnt von fremden Menschen – ich, sein Sohn,Hab’ längst kein Anrecht mehr am Vaterheim. –Großmütterchen, auch dein gedenk ich hierUnd deiner Lieb und Sorge – lange schon –Du Hüterin der früh’sten Jugend mein,Deckt mit den guten Eltern dich die Gruft. –Doch, sind die Liebsten tot, die Stätte bliebWo sie gewaltet, wo ich glücklich warAls Kind bei Kindern – die Erinn’rung lebtIm Herzen mir, so reich an Lust und Freud’. –Ihr Heimatfluren, alle grüß’ ich euch!Du Dornhag, wo die Erdmännlein gehaustVor grauen Zeiten und gar emsiglichIhr Werk verrichteten bei stiller Nacht.Du Hellersiepen und du Heimachgrund,Wo mit dem Vater ich lustwandelnd ging,Und wo der schwarze Mann mich einst erschreckt,Der plötzlich aus dem Schoß der Erde stieg. –Nicht immer, Heimach, lagst du still wie heut’Und Roß und Reisige belebten dichMit Waffenklang und munt’rem Hornesstoß.Ging doch der Schloßweg durch dich hin zur Ruhr,Vom Altendorfer Schloß zur Burg nach Horst,Und nachbarlich verkehrten ihre HerrnIm lustigen Gelag’ bei Spiel und Wein.Zur Jagd und Fehde zog durch dich der Troß,Zur Reiherbeize ritt die EdelfrauAuf schmuckem Zelter und der Falke stiegIn Lüften hoch, um nach dem Wild zu späh’n.Verklungen lange ist der Jagdruf schon,Verschollen und verweht im Sturm der Zeit. –Zuweilen nur, in stiller Mittagstund’,Tönt’s noch, verloren fern, wie HifthornklangUnd Jagdmusik durch deinen stillen Grund. –O Heimat, Heimat, wie bist du so schön!Und mußt’ ich, traute, früh dich lassen schon,Die Eltern zogen fort – in Lieb’ und Treu’nHab’ ich doch dein gedacht stets für und für. –Du bliebst, verklärt vom ersten Kindestraum,Das Herrlichste von allem, was ich sahAuf meinem Lebensgang. – Wohin mich auchDas Schicksal hat geführt – in Lust und SchmerzGabst du Geleite mir, o Heimatbild. –Nun, wo im Spätherbst meines Lebens ich,Ein müder Wand’rer, fast am Ziele steh’,Grüß’ ich dich wieder, liebliches GeländeAm schönen Ruhrafluß, und denke deinIn Lieb’ und Dankbarkeit, mein Altendorf.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Was die Ruhr mir sang, S. 8, 9 und 10, k. A., Hansmann & Co., Bochum, 1909
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Altendorf (Kämpchen)“, Fassung 1.104.363 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Kämpchen starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 12060812X der Deutschen Nationalbibliothek.
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