Der Tag des Gerichts.
Rudolf Lavant · 1844–1915
57 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1903
Die grauen Nebelschwaden sind verflogen,Roth flammt’s im Osten und der Tag erwacht,Und schweigend hat und düster hat vollzogenDer Aufmarsch sich für die Entscheidungsschlacht.Zu schwarzen Massen formten sich die Heere,Aufzuckt zuweilen heller WaffenscheinUnd wie ein leises Klirren der GewehreLäuft’s fort und fort durch festgeschloss‘ne Reih’n.
Gewißheit ward das unbestimmte Ahnen:Die Würfel fallen, eh‘ der Tag entwich,Und freudig rauschend blähen schon die FahnenDer alten trotz’gen Bataillone sich.Beklemmend fast war der Erwartung Stille,Doch sie gebar den männlichen Entschluß;Unbeugsam ward und eisern ward der Wille,Daß es ein Tag des Sieges werden muß. ―
Ein Tag des Siegs, wie keinen wir gesehen,Ein Tag des Unheils für der Dränger Schwarm,Ein Erntetag, um den die Kinder flehen,Frühreifen Sinnes, in der Mutter Arm,Ein Tag des Zorns, an dem es blitzt und wettert,Ein Freudentag des ringenden Geschlechts,Ein Rachetag, der Alles niederschmettertEin Ehrentag der Wahrheit und des Rechts.
Was führt und hält den bunten Troß zusammen,Auf den sie drüben all ihr Hoffen bau’n?Sie suchen ihn zum Kämpfen zu entflammenDurch alten Haß und neues tiefes Grau’n.Unfähig ist der männlichen Gedanken,Von Schuld bedrückt, das fiebernde Gehirn;‚s ist ihnen schwül und ihre Kniee wankenUnd kalter Angstschweiß perlt auf ihrer Stirn.
Dem Kampf voraus ging ein gemeiner Schacher ―Man hat sich nur mit Vorbehalt getraut;Man sah im Freund zugleich den Widersacher,Der über’s Ohr gelegentlich uns haut.Und dieser Troß, er wagt’s, mit uns zu ringenVom Fuß der Alpen bis zum Dünensand!Er will auf’s Knie das Volk der Arbeit zwingen,Das dem Varziner siegreich widerstand!
Es kann sie nur an alte Prügel mahnenDas schwere Wetter, das von ferne grollt;Sie sind besiegt, bevor sie ihre Fahnen,Des Wuchers Fahnen, prahlend noch entrollt;Das Kreuzheer ficht mit fluchbeladnen Waffen,Die raschen Griffs des Volkes Faust zerbricht;Mit solchem Troß besiegen Bismarcks AffenDer Arbeit stolze Bataillone nicht!
Wir sind die Kraft, die Wahrheit und das Leben,Wir halten standhaft unsern Fahneneid;Ihr aber seid in unsre Hand gegeben,Weil ihr die Lüge und die Fäulnis seid.Jagd nur heran, ihr sturmgepeitschten Wellen!Ihr werdet hilflos an dem schwarzen FelsZu Schaumgeflock zerschmettert und zerschellenAm Unheilstag von Jena des Kartells!R. Lavant.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- off, Paul Singer, Berlin, 1903
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Tag des Gerichts“, Fassung 3.446.033 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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