Zum Inhalt springen
Versbuch

Der Warnruf

Heinrich Kämpchen · 18471912

69 Zeilen · zuerst gedruckt 1909

Der alte Jörgen hat mir so erzählt:Zur Nachtschicht war ich einst allein vor Ort,Im Flöze „Engelbrecht“, auf Grube „Franz“.Mein Kamerad, wir schafften sonst zu zwei’n,War krank geworden, und so mußte ich –Es ging um Kohlen – eine UeberschichtVerfahren, was mir recht zuwider war. –Mein Arbeitspunkt lag nah’ beim „Alten Mann“ *),Ein öder, toter Bau, doch aufrecht nochUnd abgetrennt durch starken Holzverschlag. –Die Kameraden sprachen mancherleiVon dieser Oertlichkeit, doch Gutes nicht,Und einer schwur, er habe was gehörtIm „Alten Mann“, das nicht natürlich sei. –Ich war ein junger Bursch’ und glaubte nichtAn Spuk und Geisterei, dabei verliebt,Zu jener Zeit, in meine jetz’ge Frau,Und dachte wenig an den „Alten Mann“. –Schon war zu Ende fast die halbe Schicht,Und eins die Uhr – ich hatte eben nochDanach geseh’n – als es auf einmal wieGedämpfter Zuruf mir im Ohre klang. –Ich stutzte – doch da außer mir kein MannIn dem Betriebe war, so glaubte ichAn Täuschung, die, wie jeder Bergmann weiß,So leicht entsteht durch Wasser und durch Wind. –Ich schrämte also ruhig weiter fortUnd dachte nur, wie ein Verliebter denkt,An Annelies und unsern Hochzeitstag,Der schon recht nah’ gerückt – und malte mirDie Freude aus, wenn Annelies mein Weib. –So dachte ich – da plötzlich wiederumDrang Zuruf wie zuvor, doch heller schon,Obwohl die Worte ich noch nicht verstand,Und näher, nach dem Schalle, an mein Ohr. –Nun kam mir doch die Angst – kein Licht, kein Laut,Wie angestrengt ich auch mit Aug’ und OhrRings forschte in dem nächtlichen Revier,Den Rufer suchend in der Dunkelheit. –Auch was die Kameraden sich erzähltVom „Alten Mann“, besonders jener Klaus,Der nur erraten ließ, was er gehört,Trat jetzt lebendig vor die Sinne mir –Doch wehrte ich der Angst so gut es ging. –Vielleicht brach irgendwo ein Pfeiler ein,Der starke Luftzug dann, so sagt’ ich mir,Sich zwingend durch’s Geklüft, gab diesen Ton,Der mir wie Zuruf klang – gewiß, so war’s. –Und wieder nahm die Keilhau ich zur Hand,Doch kam’s zum Hiebe nicht: „Ist’s noch nicht Zeit?“Scholl’s deutlich durch die Nacht – mir sträubte sichDas Haar zu Berg’ vor Grau’n – mit einem Satz,Die Blende greifend, sprang ich weg vor Ort. –Es war mein Rettungssprung, denn donnernd schlugEin Sarg, ein ungeheurer Kesselstein,Jäh aus dem Hangenden, der mich zermalmtUnfehlbar hätte ohne jenen Ruf. –Wie ich zum Schacht kam, weiß ich selber nicht –Mir schlotterten die Knie – doch kam ich hin. –Ich meldete mich krank und war es auch,Vom überstand’nen Schreck, und fuhr zu Tag. –Von Grube „Franz“ bin ich dann abgekehrt,Doch blieb ich Bergmann, habe aber nie,Obwohl im Schacht ich war zu jeder Stund’,Vernommen etwas noch seit jener Nacht.So hat der alte Jörgen mir erzählt,Ein Invalid’ mit silberweißem Haar,Und so bericht’ ich’s euch – die Lösung fandNicht er noch ich – vielleicht kommt ihr darauf. –

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Was die Ruhr mir sang S. 38-39, k. A., Hansmann & Co., Bochum, 1909
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Warnruf (Kämpchen)“, Fassung 3.466.688 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Heinrich Kämpchen starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 12060812X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Heinrich Kämpchen

Alle Gedichte von Heinrich Kämpchen ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Naturalismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.