Des Deutschen Lebenslauf
Rudolf Lavant · 1844–1915
46 Zeilen · zuerst gedruckt 1965
In Deutschland hat in stiller NachtIhn die Mama zur Welt gebracht,Denn das erlaubt – wir sind ja frei –Die hohe deutsche Polizei.Als er sodann ins dritte JahrMit Ach und Krach gekommen war,Beschenkte man den kleinen SchelmBereits mit Flinte, Schwert und Helm;Und er erfuhr – zu rechter Zeit –Bei dieser FestgelegenheitDurch Vaterworte voll Gewicht,Was eines Deutschen erste Pflicht.Es ward geschickt zur Schule dannDer ahnungslose kleine Mann,Wo man ihn gründlich eingeweihtIn Deutschlands Macht und HerrlichkeitUnd wo das Nöt’ge er erfuhrVon unsrer sittlichen NaturUnd von der Fülle von GemütUnd Treue, die in Deutschland blüht,Indes die ganze andre WeltIn Schmutz und Dummheit sich erhält.Was in der Lehre er gelernt,Hat zwar fürs Leben nicht entferntUnd für die Praxis ausgereicht;Doch nahm er solches Manko leicht,Denn bald darauf ward er Soldat,Den oft man auf die Beine tratUnd den mit Umsicht und BedachtZu einem Menschen man gemacht.Nach ein’ger Zeit, wie man’s so treibt,Hat er sich regelrecht beweibtUnd mit der Liebsten bis zuletztSechs Kinder in die Welt gesetzt,Auch unter manchem SchicksalsschlagSich abgerackert Nacht und Tag.Es hungert sich zur Not ganz leicht,Wenn es nur für die Steuern reicht;Genügt’s doch, daß man mit GewaltDen Schmachtriem’ etwas enger schnallt.Nun denkt er mit gerechtem StolzDes Schlafrocks wohl aus Fichtenholz,Weil ehrlich sein Gewerb er triebUnd Steuern niemals schuldig blieb;Und weil in Frieden der verfault,Der nie gemurrt und nie gemault.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Rudolf Lavant Gedichte, 3. Auflage, Akademie Verlag, Berlin, 1965
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Des Deutschen Lebenslauf“, Fassung 3.492.502 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.