Des Kampfes Ende
Rudolf Lavant · 1844–1915
73 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1904
Die weiße Flagge stieg empor am Mastund kündet uns: die Schlotbarone siegen!Die Menge aber fragt in wirrer Hast:„Wie, unsre Crimmitschauer unterliegen?Die tapfre Schar, die so heroisch focht?Wie sollen wir das nur verstehn und fassen?Gab nicht das Volk, was immer es vermocht?Es hätte niemals sie im Stich gelassen!“Doch eine Stimme spricht: „Es musste sein!In dieser Stunde sprachen ernste Gründe,Und stellten wir das Ringen jetzt nicht ein,begingen wir des blinden Trotzes Sünde.
„Wir hielten‘s Wochen noch und Monde aus,doch hat die Lage drohend sich verschoben.Es war der Kampf der Katze mit der Maus,seit sich das ganze Kapital erhoben,Und tritt erst dieses finster auf den Plan,mit dem Entschluß, für seinen Haß zu zahlen,So ist’s ein eitler, trügerischer Wahn,sich einen Sieg auch dann noch vorzumalen.Nein, wenn man endlich unterliegen muß,wenn dies Verhängnis niemals abzuwenden,So ist’s ein kluger, männlicher Entschluß,vor dem Verbluten noch den Kampf zu enden.
„Und grade jetzt – und wenn ihr’s Schwäche nennt! –entwanden wir den Junkern und den PfaffenIm allerunerwünschtesten Momentdie schneidigsten, die mörderischsten Waffen.Sie müssen jetzt, sie haben keine Wahl,als ob ein Gott, ein König es beföhle,Den Kampf beschließen, und das Kapitalzieht murrend sich zurück in seine Höhle.Sie hätten gern, nun es so weit gediehn,das Volk entnervt bis auf das Mark der KnochenUnd sehen knirschend uns von dannen ziehn,bevor die Kraft zum Widerstand gebrochen.
„Wohl haben wir die Lippe uns zernagt,doch ungebrochen schauen wir ins Weite:Es ward das Ringen nur von uns vertagtund unbesiegt ziehn wir aus diesem Streite,Auch unentehrt, mit fleckenlosem Schild,wenn ihn der Gegner auch gespickt mit Pfeilen,Und ohne Trauer darf auf diesem Bildund ohne Scham des Volkes Auge weilen!“Und alles lauscht der ernsten Stimme Spruchund Händedrücke tauschen die Genossen:„Nun wohl, es war ja kein Zusammenbruchund ehrenvoll habt ihr den Kampf beschlossen!
„Wir achten euch, ihr Braven, nach wie vormit dem Instinkt des treuen Volks der Gassen,Und wer die Arbeit und das Brot verlor,den wird es nicht vergessen und verlassen.Nehmt eure Kinder tröstend bei der Handund eurem bleichen Weib mögt ihr erklären:Was man bisher den Kämpfern zugestand,wird auch den Arbeitslosen man gewähren.Es sei kein Auge trüb und tränennaß;wir schützen euch vor schwarzer Sorge Stunden,Bis auch der letzte, den der Feinde Haßaufs Pflaster warf, die Arbeitsstatt gefunden.
„Seid ruhig denn, geht unbekümmert heim,denn mag man auch in Horden und in RudelnDen Heldenkampf mit Geifer und mit Schleimmit der gewohnten Niedertracht besudeln –Ihr habt des Rechtes guten Kampf gekämpftund euch durch nichts in ihm beirren lassen,Der Sieger hohlen Jubel aber dämpftein einz‘ger Blick in die geleerten Kassen,Und selbst das Scheusal, den Zehnstundentag,den sie so gern erwürgt in goldnen Schlingen,Ihn wird das Reich, was immer kommen mag,durchs Parlament den Arbeitsbienen bringen!“R.L.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der Wahre Jacob, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1904
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Des Kampfes Ende“, Fassung 3.467.170 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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