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Versbuch

Der reiche Mann und der arme Lazarus

Rudolf Lavant · 18441915

31 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1902

Nach dem Englischen des Ernest Bilton von R. L.

Habt von dem Reichen ihr gehört im fernen Palästinerland?Sein Reichthum, der war fabelhaft und fein und prächtig sein Gewand.Es stöhnte von der Speisen Last sein Tisch, in Strömen floss der Wein,Er wurde dabei stark und feist – und konnte das auch anders sein?Ein Andrer, Namens Lazarus, war arm und krank und voll Geschwür;Freundlos, um Krumen bettelnd, lag er vor des reichen Mannes Thür.Es hat die laute, trunkne Lust im Saal den Widerhall geweckt –Die Hunde haben schweigend ihm die Schwären mitleidsvoll geleckt.Ihr meint, es mache der Kontrast so grell und schroff wohl kaum sich breit?Doch war es ja in fernem Land und schon vor langer, langer Zeit.

Es war dem Reichen jeder Tag ein Fest und pomphaft sein Gewand,Nicht weil er’s liebte, sondern weil er’s für den Handel nützlich fand;Er schuf, indem er Seide trug, den armen Leuten groben Zwilch,Indem er Sahne trank, versah die Armen gütig er mit Milch;Fünfhundert Diener hielt er sich, damit an Brot kein Mangel sei,Indem sein Schiff von Gold gebaut, versorgte jene er mit Blei.Um klarzulegen aller Welt, wie ihm die armen Leute lieb,That selbst er keinen guten Zug, damit für sie noch Arbeit blieb.Ihr findet, dass dies seltsam sei, sehr seltsam? Seid doch nur gescheidt!Es war in einem fernen Land und schon vor langer, langer Zeit.

Zum Ringen mit dem grimmen Tod ward mälig Lazarus zu schwach –Der harte Kampf ums Dasein war ganz augenscheinlich nicht sein Fach.So sah in einer frost’gen Nacht er traurig auf zum SternenscheinUnd machte seine Augen zu und ging dann in den Himmel ein.Und auch der Reiche wurde alt, senil, wie rücksichtsvoll man’s nennt;Ein Rechtsgelehrter kam herbei und setzte auf sein Testament.Von Söhnen und von Töchtern nahm Abschied der lebensmüde Mann,Ermahnt‘ sie, es ihm gleichzuthun und starb und fuhr zur Hölle dann.Zu solcher Rücksichtslosigkeit entschlösse Gott sich heute schwer.Doch war es ja so weit von uns und ist schon lange, lange her!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Der Wahre Jacob, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1902
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der reiche Mann und der arme Lazarus“, Fassung 3.440.506 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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