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Versbuch

Die Deutschenhetze

Rudolf Lavant · 18441915

57 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1893

(1891.)

Ob ihre Zunge nun von Fusel,Ob sie vom Traubenblute schwer –Wir sehn vom gleichen blöden DuselErfaßt die Völker um uns her.Ob sie des Zaren Unterthanen,Ob eine Republik ihr Ruhm –Sie alle hassen den GermanenUnd fluchen dem Germanenthum.

Und ob sie sich Romanen nennen,Ob slavisch ihre Mutter sang,Ob Länder sie und Ströme trennen –Sie schwören uns den Untergang.Man liest es klar in ihren Blicken,Wenn es die Lippe auch verhehlt,Daß sie am dumpfen Haß ersticken,Der wider Deutsches sie beseelt.

Ja, selbst im Reich der edlen Czechen,Am Moldaustrand, im goldnen Prag,Muß man sich hüten, deutsch zu sprechen,Sonst fliegt der Stein, sonst fällt der Schlag,Indeß sie alle Huld verschwendenAus Deutschenhaß mit Mund und HandAn vier verbummelte Studenten,Die das Quartier latin gesandt.

Wir haben auch ein Preßgesindel,Das wund und lahm die Finger schreibtUnd einen gutbezahlten SchwindelMit deutscher Macht und Größe treibt.Doch das ist Alles Schaum und Blase,Von der des Volkes Tiefen frei,Man hält das Tuch sich vor die NaseUnd geht, so schnell man kann, vorbei.

Man weiß, es ist an dieser KlippeNoch kein gerader Sinn zerschellt;Zu Deroulède und seiner SippeHat unsre Schreier man gesellt.Man läßt sie patriotisch rasenVom judenfreien Vaterland,Doch findet man in ihren PhrasenNur Ungeschmack und Unverstand.

Ja, wär’ es so im Land der FrankenUnd hegte im Palast und ZeltDie gleichen friedlichen GedankenDer Moskowiter Slavenwelt,Wir würden nur darüber scherzen,Wenn es im Hexenkessel braust –So schießt das Blut uns heiß zum HerzenUnd ungewollt ballt sich die Faust.

Die Juden scheucht man durch Gesetze,Hinaus in Fremde, Nacht und Noth,Doch käm es erst zur Deutschenhetze –Uns schlügt ihr ohne Weit’res todt!Doch ist es klug, den Leu zu necken?Zwar rastet er und schlummert noch,Doch könntet ihr ihn schließlich wecken –Und seine Tatze kennt ihr doch?

Quelle und Rechte

Textgrundlage
In Reih und Glied, 1. Auflage, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Deutschenhetze“, Fassung 3.491.895 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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