Die Ideale des deutschen Volkes
Rudolf Lavant · 1844–1915
65 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Was alle andern Völker von dir scheidet,Was sie im Wesen alle von dir trennt,Um was der Eine schmerzlich dich beneidet,Indeß der Andre räthselhaft es nennt,Was jene rührend, diese komisch fanden,Unheimlich selbst, weil unberechenbar,Und was sie sammt und sonders nicht verstanden ―Weißt du, o Volk der Eichen, was es war?
Was deine Schwäche allezeit gewesenUnd dennoch das Geheimniß deiner Kraft,Wodurch von jeder Stunde du genesenUnd siegreich dich entwunden jeder Haft,Was deinen Fuß verstrickt in plumpe SchlingenUnd doch im Kampfe wider Macht und ListDich still geführt zu herrlichem Gelingen ―Weißt du, o Volk der Träumer, was es ist?
War oder ist? Ging, der dir angeboren,Ging dir der starke, ideale ZugIm Rausch des Glückes und der Macht verlorenUnd der Gedanken eigensinn’ger Flug,Dann, armes Volk, bereite dich zu sterben,Denn deine Seele ist dir dann entflohn ―Und ungeduldig stehen deine Erben,Die lauernden, vor deiner Thüre schon.
War oder ist? Da, wo in ernsten StundenMan für der Geister stolzes AufgebotDie Führer einst zu Hunderten gefunden,Da ist zur Stunde Alles kalt und todt,Ja, Vorwurf wär’s nach ihrem Sinn und Schande,Wär' nicht verwischt die letzte schwache Spur ―Wer Deutschland liebt, der hat für diese BandeDas bittre Lächeln der Verachtung nur.
Bedeckt ist längst die wunderbare BlütheDes Ideals im öden Wüstensand!Sie sind verarmt im innersten GemütheUnd kennen nur Berechnung und Verstand.Versumpft der Weg zur hohen Tempelpforte!Sie würden auch die Predigt nicht verstehnUnd hörten nichts als sinnlos-leere Worte…Und also müßte Deutschland untergehn?
Ja, dreimal ja, wenn’s ab von ihnen hinge,Da Holz die Köpfe und die Herzen SteinUnd längst entfiedert und geknickt die SchwingeDes Innersten… und dennoch sag ich: „Nein!“Sie sind nur Spreu, ein Spiel dem Wind der GasseUnd flücht’ge Nahrung für der Flamme Zorn,Das arme Volk jedoch, die dunkle MasseDer mühsam Schaffenden, das heil’ge Korn.
Hier baut man jetzt dem reinen MenschenthumeMit treuer Hand den ragenden Altar,Hier duftet jetzt die wunderbare Blume,Die Deutschlands Stolz und seine Stärke war;Hier lebt der Geist, den keine Schranke bindet,Der finden wird, weil er beständig strebt,Der hoffend jedes Schreckniß überwindetUnd eine Welt aus ihren Angeln hebt.
So steht, zum Trotz den nüchternen Hallunken,Zu großer That mein deutsches Volk bereitUnd hegt und schürt den idealen FunkenAls Bannerträger einer neuen Zeit.Den großen Streit, es kämpft ihn treu zu Ende,Mit starker Hand reißt es zu sich emporDie Zagenden, und eine WeltenwendeBereitet es in seinem Schooße vor.R.L.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der Wahre Jacob, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Ideale des deutschen Volkes“, Fassung 3.513.635 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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