Der Neugeborene
Rudolf Lavant · 1844–1915
38 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Nach Adrien Dézamy.(1883.)
In eines Arbeitsmanns Daheim! – Im Bett,Dem weißen, saubern, ruht sie ernst und bleich,Die junge Mutter; ärmlich aber nettHält diese Frau ihr kleines, enges Reich.Der Mann tritt ein, die nerv’gen Arme nackt,Die Stirn gebräunt, und setzt sich neben sie,Bewegt und froh. Die sonst den Hammer packt,Die schwielenreiche Hand, wird zart wie nie.Es ist, als ob er eine Rose pflückt,So zaghaft nimmt er auf den Arm das Kind,Bewundert es und lacht es an und drücktSo manchen Kuß auf seine Wange lind.
Er plaudert mit dem Kleinen: „Das macht Muth!Ein Sohn, ein Erbe! Püppchen, warte nur –Nun thut die Arbeit noch einmal so gut,Doch seh’ ich Abends öfter nach der Uhr!Denn komm’ ich heim, dann bist du da, Patron,Dann wiegt man dich, dann schäkert man mit dir. –Frau, er ist wirklich hübsch, dein kleiner Sohn!Dir sieht er ähnlich, aber niemals mir!“Die Mutter flüstert: „Aber schweige doch!Er schläft ja süß und fest – siehst du das nicht? –Geht das so fort, erwacht der Schelm mir noch!“Fügt sie hinzu mit schmollendem Gesicht.
Sie schmollt und ist so glücklich doch und froh!Der Mann gehorcht, dem kleinen Kerl zu Lieb’,Und er verstummt und überwältigt soDes eignen Herzens ungestümen Trieb.Doch seine Freude macht sich siegend Luft –An seinen Wimpern hängt ein Thränenpaar.So bringt der Liebesrose feinsten DuftDer stumme Mann dem jungen Weibe dar,Und dieser Mann, so trotzig, derb und rauh,Dem sonst kein Wort der Schmeichelei gelingt,Vermittelt so der blassen jungen FrauDas Lied der Lieb’, das ihm im Herzen klingt.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- In Reih und Glied, 1. Auflage, Verlag von J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Neugeborene“, Fassung 3.551.320 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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