Auf dem Morgengange
Otto Ernst · 1862–1926
32 Zeilen in 2 Strophen · zuerst gedruckt 1907
Laß uns verweilen, du Liebste mein,Schau in den tiefen Wald hinein!Spärlich nur durch die Tannen dichtIrrt hernieder das Sonnenlicht;Nur einen kleinen, stillen RaumHüllt es in einen goldnen Traum.Vier der Stämme ragen empor,Die sich allein das Licht erkor;Aber sie flimmern in hellem GlastWie ein lichter Zauberpalast.Durch die Kronen huscht mit GeflimmerFlink und behende der Morgenschimmer,Fliegt und zittert hinauf, hinab,Bis er alles mit Gold umgab.Zwischen den Stämmen in der SchwebeHängt der Spinne silbern Gewebe;Käfer im Goldrock, flink und munter,Hasten die Stämme hinauf, hinunter,Und ihr Schwirren und Summen leisEinziger Laut im weiten Kreis! –
Also fiel auch in unsre BrustGolden das Licht der Liebeslust,Und inmitten der düstern Welt,Die uns mit Sturm und Frost umstellt,Fanden wir strahlende Einsamkeit,Frieden und tiefe Seligkeit.Eine stille Sommerpracht,Uns im Herzen die Liebe lacht.Sonne trank nun allen Schmerz.Ahnend zittern durch unser Herz,Wie das Licht um die hohen Bäume,Einsame Wünsche, schweigende Träume! –
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Siebzig Gedichte S. 72–73, 1. Auflage, L. Staackmann, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Auf dem Morgengange“, Fassung 1.623.340 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Otto Ernst starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118682342 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.