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Versbuch

Aus einer Nacht

Otto Ernst · 18621926

52 Zeilen in 13 Strophen · zuerst gedruckt 1907

Und wieder müd', zerschlagenKam er am Abend heim,Und wieder schwoll im HerzenEin alter, böser Keim:

Der Keim des Wahnsinns, den erIn stummer Seele trug –Ob Wahnsinn noch mit LachenEinst seine Welt zerschlug?

Denn der Gemeinen FrechheitWar stärker als sein Mut,Und kälter war die RoheitAls – ach, sein heißes Blut.

Und schlauer war die DummheitAls sein beschwingter Geist,Und stets an allem EndeStand er allein – verwaist.

Er fiel aufs harte Lager,Und war ihm recht zu Sinn,Als flöss' aus tiefer WundeSein Leben ganz dahin.

„Laß rinnen und verrinnen!Ich stille nicht das Blut.Kein Hoffen, kein Verzweifeln:So ist mir's wohl und gut.“

Doch wieder aus dem DunkelBrach Hoffnung licht hervor –Doch wieder aus der TiefeVerzweiflung fuhr empor –

Er krampfte wild die Hände:Es möchte stille sein!Und weckte selbst sich immerZu neuer, neuer Pein.

Sein Knäblein schlief daneben,Das hat sich laut geregtUnd hat im Traum das HändchenIhm auf die Stirn gelegt.

Das war ein Gruß vom Leben!Was klang so sanft und hell?Natur wollt' ihn erquickenAus einem jungen Quell.

Auf seine Augen drückt' erDas Händchen leis und weich,Da quollen schwere TränenUnd quollen warm und reich.

Und sah die feinen FingerMit mild bewegtem Sinn –Und sprach auf dieses HändchenSein Leid still vor sich hin.

Und als das Licht der KerzeVerschmachtet ging zur Ruh,Sah er dem letzten ScheineMit stiller Hoffnung zu.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Siebzig Gedichte S. 92-94, 1. Auflage, L. Staackmann, Leipzig, 1907
Digitalisat
de.wikisource.org — „Aus einer Nacht“, Fassung 1.623.354 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Otto Ernst starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118682342 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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