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Versbuch

Neujahrsgruß

Otto Ernst · 18621926

80 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1907

Ans Tor des Türmers hab ich heut’Gepocht mit lautem Rufen:„Komm, führe mich vor MitternachtZum Turm hinauf die Stufen!Denn ein Gelüsten treibt mich heut’,Mit mächtig hallendem GeläutDie Welt zu meinen FüßenZu grüßen.“

Und an des Alten Seite stummBin ich emporgestiegen.Tief lag die Erde schneeverhüllt,Geruhig und verschwiegen.Die weite Stadt – ein Lichtermeer!Das blinkte hold von unten herWie gold’nes SterngewimmelVom Himmel.

Und oben hab’ ich tiefen ZugsDen Hauch der Nacht getrunken;Berauscht von tausend Bildern, istMein Geist in sich versunken –:Jed’ Licht dort unten schien ihm daEin Auge, das ins Ferne sah,An Tagen, die vergangen,Zu hangen.

Und jeder Blick erspähte baldAus grauem NebeldampfeEin eignes und besondres BildVom ewigen Erdenkampfe.Wie manche leise Träne rann,Wie manches feste Herz begannIn still erneuten FlutenZu bluten! …

Hob sich aus fernem Dunkel nichtHier – dort – ein Totenhügel?Flog nicht ein freundlich Antlitz herAuf traumbewegtem Flügel?O ja, in stiller NeujahrsnachtDer Toten wird zuerst gedacht,Der Lieben, die im HafenNun schlafen.

Doch mehr als Tod ist Lebensnot –Horch, horch – in mancher KammerGellt jäh durch die ErinnerungEin lauter, wilder Jammer!Ein nie verglomm’nes Weh entfachtSo manchem diese stille Nacht,Dem alles, was er träumte,Zerschäumte.

Und ewig Kampf und ewig StreitMit Leiden und Gefahren,Mit Elend, Krankheit, Lug und TrugSeit tausend, tausend Jahren!Und war’s ein Jahr des Glücks vielleicht,So hat’s uns doch das Haar gebleicht,So ist es doch verronnen –Zerronnen –

Wir kämpfen mit der Nagerin,Der Zeit, der nimmermüden –Still! War mir’s doch, als ob zur LustVon fern Gesänge lüden –Fürwahr: ein leises Kling und Klang …Zum Mund mit Jubel und GesangDen Trank voll Glut und LebenSie heben! …

Ja! Eine Freudensonne glühtInmitten wilden Krieges:In allen edlen Herzen ist’sDie Zuversicht des Sieges!Doch wo das Schwert, das ihn erwirbt,Das jeden Höllengeist verdirbt?Wo glänzt die blanke Wehre,Die hehre?

Nun Mitternacht! – Da ließ ich weitDie Glocke donnernd schwingen,Und meine Seele schrie hineinMit Beben und mit Klingen:Sie soll uns Schwert des Lichtes sein,Die reine Siegerin alleinIn Nacht- und Sturmgetriebe:Die Liebe.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Siebzig Gedichte S. 48–50, 1. Auflage, L. Staackmann, Leipzig, 1907
Digitalisat
de.wikisource.org — „Neujahrsgruß“, Fassung 1.623.325 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Otto Ernst starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118682342 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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