Schranken des Glücks
Otto Ernst · 1862–1926
34 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1907
Durch die Seelen der guten MenschenBebt ein Seufzer geheimen Wehes,Stellt ein Schrei verborgener SchmerzenSelbst in der Stunde des höchsten Glückes. –
Wohl umfangen auch sie in berauschter,Stammelnder Wonne das Glück der Erde,Und sie vergessen, darein versinkend,Alles Vergangenen düst’re Beschwerde.Sie auch pressen in nächtlicher KammerDas Geliebte ans schauernde Herz,Sie auch taumeln im Tanz des LebensVon der Verzweiflung zum lächelnden Scherz.Und, als lebte mit ihnen im GlückeAlles, was sie lebendig umkreist,Senden im Glück sie dankende SeufzerZu dem „allgütigen Weltengeist“.Aber sie tragen die stille MahnungAn das ewige Leid in der Brust;Werden doch immer sich des gemeinenErdenloses die Guten bewußt!Sie mögen alleinNicht glücklich sein.Trauernd senken die Guten ihr Antlitz,Und sie erglühen in schmerzlicher SchamVor dem strengen, düsteren Weltgesichte,Das ihnen im Flug der Träume kam.Den eignen Glücksstern sehn sie erblindenIn einer Nacht von fremdem Leid;In gleicher Sekunde jauchzt ihr Herz –Und zittert in weinender Einsamkeit. –
Ach, durch die Seelen der guten MenschenBebt ein Seufzer geheimen Wehes,Stellt ein Schrei verborgener SchmerzenSelbst in der Stunde des höchsten Glückes. –
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Siebzig Gedichte S. 63–64, 1. Auflage, L. Staackmann, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Schranken des Glücks“, Fassung 1.623.335 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Otto Ernst starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118682342 der Deutschen Nationalbibliothek.
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