Sklavenmoral
Otto Ernst · 1862–1926
28 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1907
Mein Junge, du wirst zu treu und zu gut –Fast möcht' ich dich wecken!Ich seh's mit schwellendem Stolz – und ich seh'sMit wachsendem Schrecken.
Dein Auge feuchtet ein keuscher GlanzWie Tau einer Blüte;Es atmet durch deinen weichen MundDie träumende Güte.
Dir zuckt's um die Lippen bei fremdem Schmerz,Und du willst ihn lindern –Ein wunderbares, befremdliches DingBei der Menschen Kindern.
Pass' auf, sie werden dich früh genugVor den Karren spannen;Und hast du die Last zu Berge geschleppt,Man hetzt dich von dannen.
Weh dir, wenn ein Gott in den Geist dir gelegtGewalt des Propheten –Sie werden überbrüllen dein WortUnd im Kot dich zertreten.
Du wirst sie mit blankem, sausendem SchwertZum Siege führen –Dann aber wirst du dich krümmen im StaubVor ihren Türen.
Ich seh's um deine zarte StirnWie Dornen und Blut –Und ich reiße dich wild ans hämmernde HerzIn aufjubelnder Glut.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Siebzig Gedichte S. 95-96, 1. Auflage, L. Staackmann, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Sklavenmoral“, Fassung 1.623.355 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Otto Ernst starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118682342 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.