Reue
Otto Ernst · 1862–1926
32 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1907
Über meiner Brust gelegenHat die Nacht ein dunkler Gram,Den mir auch des schnellstens TraumesFlügel nicht von hinnen nahm.
Mocht’ ich über Meere schreitenOder still vor Blumen stehn,Mocht’ ich Meer und Land in TränenOder sie in Flammen sehn,
Ob die schwingenfrohe SeeleBis zum letzten Sterne kam –Über meiner Brust gelegenHat die Nacht ein dunkler Gram.
Und wie gut es Erd’ und HimmelMir heut’ Nacht im Traum gemeint,Immer auf verborg'nem GrundeHat ein leiser Quell geweint.
Wie nun kam der späte Morgen,Stand am Himmel noch die Not,Über wilde WolkenmauernSchrie ein böses Morgenrot.
Dann auf den geschloss’nen LidernFühlt’ ich warmen, duft’gen Tau,Und in ihre weichen ArmeZog mich die geliebte Frau.
Und sie lächelte beglückend,Eh’ ich nur ein Wort gesagt;Denn sie weiß, die Milde, Feine,Daß ich selber mich verklagt,
Und sie will aus tiefer LiebeSchonen meinen stolzen Sinn –Heut’ bedeck’ ich dich mit Rosen,Herrliche, du Königin!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Siebzig Gedichte S. 75–76, 1. Auflage, L. Staackmann, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Reue (Ernst)“, Fassung 1.631.527 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Otto Ernst starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118682342 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.