Schiller
Otto Ernst · 1862–1926
64 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1907
In einer großen Stadt, wo ich gewohnt,In einem volk- und häuserreichen Viertel,Sah ich aus meiner Kammer unterm DachIn das Gewirr der Steine oft und lang.Schier unabsehbar lagen vor mir daKamine, Mauern, Dächer und Mansarden,Ein wirres Auf und Ab und Durcheinander,Ein steinern Meer, im Wellenspiel erstarrt.Und aus den Schlünden dieses Meeres drangDes Alltags Raserei in Lust und Angst:Des Hungers Seufzen und Gebrüll des Rausches,Der Schrei der Gier, der Kindheit Morgenlachen,Der Arbeit Hämmern und des Tanzes Spiel.
Und immer, immer, wenn ich Sinn und SeeleAn diesem Brei von Dunst und Lärm ersättigt,Schlich glücksgewiß und still mein Blick zur Seite,Wo sich ein Wunder groß und ernst erhob.Da, dicht umwühlt von Essen, Erkern, Giebeln,Und ganz doch unberührt von ihrem Schwall,Ein ewig strömender Gesang von Stein,Stieg eines Domes Turm zu Himmelshöh’n.In breiten Massen wuchtig aufgeschichtet,Schwang er doch leicht sich auf ins reine Blau.Es überschlug der Blick sich, der ihn maß,Und sank nach innen, schauernden Entzückens;Denn seine herrlich ragende GewaltUmfloß der Schönheit ruhiges Gewand.Von Zeit zu Zeit erdröhnte dumpf erhallendDer Glocken tiefer Ton – dann drang ein ZitternBis in der Häuser, in der Herzen Grund,Und wohl durch manche Seele, manches HausGing Wunsch und Hoffnung, groß und rein zu sein.Und klang am Feierabend gar ein LiedVom Turm herab, dann quoll’s wie RosenwolkenDurch allen Gassendunst, ein Duft von FriedenDurchdrang den Lärm, und hoch an rauchgeschwärztenGemäuern hing ein stiller AbendglanzWie herbstlich rotes Weinlaub …
Aber auchWenn er geheimnisvoll und schweigend stand,Wie ewige Gedanken überdenkend,Stieg mancher Blick empor an seinen Zinnen,Empor in eine ahnungsreiche Welt.
Ja, auch die nie durch seine Pforte schritten,Die ihn nur ragen sah’n aus ferner Gasse –Sie sah’n ihn mit Bewunderung, mit Andacht,Ja ja, sie liebten ihn aus dunklem DrangUnd wandten gern zu ihm den müden Blick —
Denn daß er groß war, das war Trost und Glück.Daß er aus Qual und Qualm und Last und LärmErhaben sich und schönheitsmild erhob,Das war Befreiung aus bedrängtem Leid.Daß er aus allen Engen sich entriß,Das war Erlösung.
Und die Zweifler selbst,Die Hoffnungslosen schauten milden BlicksAuf diesen Weiser nach dem bess’ren Land.
Schon mehr als hundert Jahre stand der Turm,Und ragen wird er durch JahrhunderteIn ferne Zukunft. Und aus Tür und FensterIn Hütte und Palast wird manch ein AntlitzSich neigen und dies Mal der Hoffnung suchen,Und manche Seele wird an ihm emporIn unsrer Sehnsucht Heimatland entschweben.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Siebzig Gedichte S. 21–23, 1. Auflage, L. Staackmann, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Schiller (Otto Ernst)“, Fassung 3.567.899 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Otto Ernst starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118682342 der Deutschen Nationalbibliothek.
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