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Versbuch

Hardenstein

Heinrich Kämpchen · 18471912

433 Zeilen in 55 Strophen · zuerst gedruckt 1909

(Ein Heimatsang.)

An der Ruhr im TalesgrundLiegt ein Schloß zerfallen.Fragt ihr nach dem Namen sein,Nennt man es euch: Hardenstein,Wo Gespenster wallen. –Wollt ihr mehr noch von dem BauHören gern aus Tagen grau,Kann’s die Ruhr euch künden.

Sie, die Ruhr, ist wohlvertrautMit der alten Veste.Alles, alles sah sie dort,Prunk und Prangen, Brand und Mord,Bis zum letzten Reste.Lauschte süßem Minnesang,Horchte wildem Waffenklang,Mag sie drum erzählen:

Ehmals war Schloß HardensteinStark und wohl gerüstet.Doch sein Glanz ist längst dahin,Niemand mehr, dem’s jetzt darinHerr zu sein gelüstet. –Nur das Käuzchen wohnet nochHoch am Turm im Eulenloch,Sonst ist alles öde. –

Anders, anders sah es ausHier in früher’n Tagen.Aber auch des Schlimmen hatUeberreich an dieser StattEinst sich zugetragen.Als der wilde HardenbergNoch mit dem gespenst’gen ZwergGoldemar hier hauste. –

Dieser war vor JahresfristAuf der Burg erschienen,Um dem rauhen RittersmannMit geheimer Kunst fortanOhne Lohn zu dienen. –Nur an dessen Tafel saßEr zu Rechten mit und aß,Das war ausbedungen. –

Auch stand noch ein Roß im StallIhm allein zu eigen.Rappenfarbig, wild und scheu,Doch dem Zwerge vielgetreu,Wollt’ er es besteigen.Aber immer auch zuvorHat dem Rappen er in’s OhrEtwas zugeraunet. –

Dazu bog der starke HengstZu dem Wicht sich nieder.Und so hielten Zwiesprach’ sie,Doch die Knechte hörten nieWas sie raunten wieder.Wohl ein Zauber lag im Wort,Flog doch dann der Rappe fortWie auf Sturmesflügeln. –

In der Burg verschloß der ZwergStetig seine Kammer.Diese lag im stärksten Turm,Wohlverwahrt vor List und Sturm,Durch Gebälk und Klammer.Tagelang saß er darin,Doch was immer auch sein SinnPlante, blieb verborgen. –

Einmal hatte hier ein KnechtFrech herumgespähet. –Doch im gleichen AugenblickWar ihm auch schon das GenickGräßlich umgedrehet. –Schwer schlug dann der Tote auf,Hohngelächter scholl daraufAus der Turmeskammer. –

Als der Graf die Tat erfuhr,Sprach er zu den andern:Dieser da hat seinen Lohn –Warum mußte der Spion –Auch zum Turme wandern? –Wiederum befehl’ ich’s klar,Stört mir nicht den Goldemar,Weder hier noch draußen! –

Gern gehorchten dem GebotReisige und Knappen.Wo der Grause auch erschien,Alle, alle floh’n sie ihn,Wie auch seinen Rappen. –Nur der wilde Herr vom SchloßLiebte beide, Mann und Roß,Doch aus andern Gründen. –

Band ihn doch geheim ein Pakt,Den er unterschrieben. –Goldemar war nicht sein Knecht,Nein, er hatte Ritterrecht,Frei zum Haß und Lieben.Nannte doch sogar der ZwergIhn, den stolzen Hardenberg,Nibelung und Schwager. –

Ob den Ritter dies verdroß,War nicht zu erkunden.Einmal nur kam es zum Tort,Um ein ausgelass’nes Wort,In den Abendstunden. –Beim Bankette war’s, beim Wein,Als der Graf dem Becher seinStark schon zugesprochen. –

Da, im Rausche, fiel das WortVon des Grafen Lippe:Dieser Wein ist gut und echt,Aber einer hier ist schlechtUnd von schlechter Sippe. –Goldemar, gib Antwort mir,Bist in meinem Schlosse hierUnd in meiner Halle. –

Goldemar schwieg lange still,Wie um nachzusinnen.Dann sprach er mit düst’rem Mut:Wahr’ dich, Gräflein, daß nicht BlutFließt durch dein Beginnen. –Sprach’s mit wildem, heißem BlickAuf die schöne Etalrik,Nibelungens Schwester. –

Dann, als wäre nichts gescheh’n,Griff der Zwerg zur Laute,Sang und spielte stundenlang,Wie berauscht vom eig’nen Klang,Weisen, süß und traute.Etalrik schien wie betört,Und erhob sich, blaß, verstört,Als das Spiel zu Ende. –

Wieder zog ein Jahr vorbeiAuf dem Hardensteine. –Waffenklirren, SaitenklangTönte dort und holder SangTraulich im Vereine. –Immer noch schlug GoldemarSeine Laute wunderbarUnd Schön-Etel lauschte. –

Lange dann noch saßen sieNach dem Spiel beisammen. –Sie durch Zaubermacht gebannt,Er von wilder Lust entbrannt,Heiß wie Höllenflammen. –Er, so häßlich an Gestalt,Sie von Lockengold umwallt,Etalrik, die Schöne. –

Und wer weiß, wie das GeschickSeinen Lauf genommen –Wär’ nicht jetzt zum Grafenschloß,Ritterlich und hoch zu Roß,Neu ein Gast gekommen.Udo war’s von Falkenstein,Herr der schönsten Burg am RheinUnd der Minne König. –

Kaum, daß Etalrik ihn sah,Als ihr Herz gefangen. –Auch der Ritter, hochgemut,Fühlt die gleiche LiebesglutBei der Jungfrau Prangen. –Goldemar – kein Wort, kein Ton,Aber aus der Augen Loh’nBlickt der Hölle Hassen. –

Seine Laute hing jetzt stummIn der Turmeskammer. –Und auch er saß oft darin,Pläne brütend, schwarz von Sinn,Hinter Schloß und Klammer. –Ward’s ihm dann zu eng im Turm,Trug ihn, wie ein Wettersturm,Durch’s Gefild der Rappe. –

Mit dem Grafen hatte erZwiesprach’ schon gepflogen. –Wispernd nur die Rede drang,Doch das letzte Wort, es klangVon ihm wie: Betrogen! –Dann ein Lachen hinterdrein,Grell wie seiner Augen ScheinUnd wie Teufel lachen. –

Wieder saß im SchlossesturmEr in düst’rem Sinnen. –Dann mit seltsam starrem BlickRief er: Schöne Etalrik,Kannst mir nicht entrinnen. –Girr’ nur mit dem Falkenstein,Bald für immer bist du mein,Wie ich es geschworen. –

Aber er, dein Buhle sollSchlimmen Todes sterben. –Und die andern hier im SchloßAlle, alle, auch der Troß,Mögen mit verderben. –Wo jetzt prunkt der Hardenstein,Soll ein Trümmerhaufen sein,Weh dir, Hardensteiner! –

Dann, als ob der grause SpruchUnheil schon beschworen,Klang ein Wimmern durch’s Gemach,Und ein Winseln folgte nach,Nicht für Menschenohren. –Goldemar, in scharfem Ton:Still, zurück, ich ruf’ euch schon,Kommt die Rachestunde! –

Während dies im Turm geschah,Herrschte schön’res LebenTiefer unten im GemachMit dem Erker ohne Dach,Grün umrankt von Reben.Hier, in traulichem Verein,Saßen auf der Bank von SteinUdo und Schön-Etel. –

Udo sprach von seinem SchloßMit den starken Zinnen. –Wie es hoch in trutz’gem MutRaget ob des Rheines Flut,Spiegelnd sich darinnen. –Dorthin, nach dem stolzen Bau,Holt er sich als EdelfrauBald des Burgherrn Schwester. –

Etalrik schlang ihren ArmUm den Mann, den trauten.Ach, sie ahnten beide nicht,Hier im gold’nen Sonnenlicht,Was Dämone brauten. –Daß der Bogen schon gespanntWard, von einer starken Hand,Um sie zu vernichten. –

Düster um den HardensteinKam die Nacht gezogen. –Brütend lag es auf der Flur,Brütend auf dem Tal der RuhrUnd den Bergebogen. –Ein Gewitter stieg herauf,Langsam noch und schwer im Lauf,Aber unheildräuend. –

Ruhe herrschte schon im SchloßNach dem regen Leben. –Oben nur im TurmgemachHält ein böser Dämon Wach’Um sich zu erheben,Wenn die Geisterstunde schlägt,Weil ihn dann der Rappe trägtSchrankenlos ins Weite. –

Aber eh’ zum wilden RittEr sich hebt im Bügel,Hat der Brand das Schloß durchloh’t,Soll hier hausen Mord und TodMit verhängtem Zügel. –Goldemar – er zischt’s voll Hohn,Bald erhältst du deinen Lohn,Trotz dem Falkensteiner! –

Und nun fängt ein Raunen anIn der Turmeskammer. –Aus den Winkeln kommt es her,Wie Gewinsel matt und schwer,Durch Gebälk und Klammer. –Seltsam schaurig klingt der Laut,Doch dem Zwerge vielvertrautUnd gar wohl verständlich. –

Meine Doggen, seid ihr da! –Ruft er rauh mit Lachen.Und darauf in dumpfem Ton:Hölle, Hölle, streue Mohn,Laß sie nicht erwachen! –Nur die beiden ganz allein,Etel und der Wicht vom Rhein,Sollen munter werden. –

Munter, bis das düst’re SchloßHochzeitsfackel rötet. –Sie für mich ins Brautgemach,Er zum letzten Weh und Ach,Wenn mein Schwert ihn tötet. –Horch! Die Glocke schlägt vom TurmMitternacht – nun heule, Sturm!Donnerwolke, krache! –

Und als ob selbst die NaturDienstbar seinem Grimme –Bricht der Wetterwolkenschoß,Brechen alle Stürme los,Kracht des Donners Stimme. –Blitze flammen durch den Turm,Und die Ruhr, gepeitscht vom Sturm,Schäumt hoch auf am Schlosse. –

Goldemar, in wilder Lust,Stürmt nun aus der Kammer. –Wüster reckt sich die Gestalt,Und die Faust das Schwert umkrallt,Wie mit Eisenklammer. –Schemenhaft, im Wetterschein,Gleiten Schatten hinterdrein,Seine Nachtgesellen. –

Alles schläft noch fest im SchloßDurch der Hölle Siegel. –Nur Schön-Etel, leichenblaß,Dringt hervor aus dem Gelaß,Ungehemmt vom Riegel. –Und auch Udo, frei vom Bann,Stürmt zur Halle jetzt heran,Und an Etels Seite. –

Beide stehen blitzumloh’t,Wie ein Bild der Minne. –Sie, im leichten Nachtgewand,Er, das blanke Schwert zu Hand,Aber ohne Brünne. –Goldemar – ein Tiger kaumUeberflöge so den Raum –Schnellt zum Falkensteiner. –

Nicht ein Wort – nur Schlag auf SchlagKreuzen sich die Klingen. –Udos Schwert trifft rasch und gut,Doch dem Zwerge fließt kein BlutBei dem wilden Ringen. –Hohnvoll lacht er noch zum Streit,Weiß er sich doch wohl gefeitGegen jede Wunde. –

Immer wilder tobt der KampfFort bei Donnerkrachen. –Etalrik, die arme Maid,Ruft nach Hilfe, fleht und schreit,Aber kein Erwachen. –Wohl erbebt im Sturm das Schloß,Doch der Graf mit seinem TroßLiegt in Schlafes Banden. –

Goldemar hat vielfach schonUdos Brust getroffen. –Aber wie zum Spiele nur,Grausam läßt er ihm die SpurNoch vom Siegeshoffen. –Da – vom Firmamente krachtWüst ein Schlag jetzt durch die Nacht,Daß die Halle dröhnet. –

Für Sekunden ruht der KampfNach dem Donnerknallen. –Dann fällt Udo wütend aus,Doch er ist dem HöllengrausRettungslos verfallen. –Weggeschlagen wird sein SchwertUnd des Bösen Klinge fährtTief ihm in die Weichen. –

Udo! Gellend rang der SchreiSich aus Etels Munde. –Und zu ihm, dess’ Leben schonMit dem Lebenssaft entfloh’n,Sinkt sie auf dem Grunde. –Goldemar, zurückgewandt:Rappe, Rappe, mir zu Hand,Aber flink, Geselle! –

Kaum noch ist das ZauberwortVon dem Zwerg gesprochen,Als auch unten vor dem SchloßWiehert schon das treue Roß,Und die Hufe pochen. –Goldemar, im Arm die Braut,Stürmt entgegen diesem Laut,Durch die Flucht der Gänge. –

Wieder beugt der starke HengstZu dem Wicht sich nieder. –Wieder lauscht er dem Geraun’,Aus dem Höllenmächte brau’nStahl für seine Glieder. –Dann mit einem Sprung und SatzSchnellt der Rappenhengst vom Platz,Trotz der Doppelbürde. –

Wiehernd jagt das wilde Roß,Wie vom Sturm getragen,In die Wetternacht hinein,Funken stieben aus dem Stein,Den die Hufe schlagen. –Hinter ihm – der wüste BrandRötet schon des Himmels Rand –Steht die Burg in Flammen. –

Goldemar, voll wilder Lust,Hebt sich hoch im Bügel. –Schneller noch, mein gutes Roß,Bringe uns zum Hochzeitsschloß,Leih’ vom Blitz die Flügel. –Und der Hengst, wie ein Phantom,Rast vorbei an Kluft und Strom,Seinem Herrn zu Willen. –

Dieser späht im WetterscheinNach dem Klippenhange, –Wo die Ruhr mit rauhem FallNiederstürzt vom Felsenwall,Eine Riesenschlange. –Weh dem Armen, den sie packt!Aus dem HöllenkataraktGibt es kein Entrinnen. –

Dahin jagt der grause WichtMit dem Sturm die Wette. –Etalrik, so ruft er laut,Etalrik, erwache, Braut,Für das Hochzeitsbette! –Doch umsonst – kein Wort, kein Ton,Etalrik ist ihm entflohnIn das Reich der Toten. –

Wie der Zwerg die Zähne bleckt!’s ist ein Raubtier-Schnappen. –Heis’re Flüche heult der TrollUnd dann nach dem Fluß wie tollSpornt er seinen Rappen. –Höllenbrand, hinab zum Grund!In den bodenlosen Schlund,Flink, nur flink, Geselle! –

Und der Hengst mit Wutgebrüll,Daß die Felsen hallen, –Nimmt den letzten Klippengrat,Wo zu Ende ist der PfadUnd die Nebel wallen. –Wiehernd steigt er in die Luft,Und dann in die FlutengruftStürzt er mit dem Reiter. –

Durch die Nacht hat noch ein SchreiWild hinaus geklungen:Nibelung, du brachst den Pakt!Und dann von dem KataraktIst das Roß verschlungen. –Doch wohin? – Von GoldemarSind wir weit’rer Kunde bar,Wie auch von Schön-Etel. –

Nur das Schloß im Talesgrund,Oede und zerfallen,Mit dem reichen Sagenschatz,Ist auch heute noch der Platz,Wo Gespenster wallen. –Aber nur im Grau’n der Nacht, –Wenn die Morgensonne lachtMuß der Spuk verschwinden. –

Und wollt ihr zur FrühlingszeitNach dem Schlosse wandern. –Herrlich, herrlich ist der Gang,Unter Nachtigallensang,Einzeln und mit andern. –Laßt euch dann auch von der Ruhr,Sie kennt ja den Hergang nur,Neu die Mären künden. –

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Was die Ruhr mir sang, S. 42-53, k. A., Hansmann & Co., Bochum, 1909
Digitalisat
de.wikisource.org — „Hardenstein (Kämpchen)“, Fassung 1.097.753 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Heinrich Kämpchen starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 12060812X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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