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Versbuch

Nach dem Kongreß

Rudolf Lavant · 18441915

65 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1893

(1890.)

In strenger Hast habt ihr den Aar gehalten,Der lang gewöhnt an freie SonnenflügeUnd der auf jedem seiner SiegeszügeDie Wolkenwände flügelstark gespalten.Ihn, der gewöhnt, auf ungehemmten ReisenDas Reich der Lüfte sausend zu durchmessenUnd stundenlang im ew’gen Blau zu kreisen,Zwangt ihr, ans Gitter seinen Kopf zu pressen.

Er war ein Bild des Kummers und der Trauer;Im königlichen Blick die stumme Klage,Verträumte brütend er die langen Tage,Und griff ans Herz dem kältesten Beschauer.Kein Laut entrang sich der gepreßten Kehle,Doch war’s dem stolzen Dulder anzusehen,Daß ihm der Freiheit reiner Odem fehleUnd daß er schweigend werde untergehen.

Doch las man deutlich auch in seinen Augen,Daß aller Gram der Jahre und der WochenDen Trotz und Stolz der Seele nicht gebrochenUnd daß zum Sklaven nie er werde taugen.Ihr habt versucht, mit ausgewählten BrockenDen Grollenden, der finster da gesessen,Zu euch herüber allgemach zu locken,Doch hat er niemals aus der Hand gefressen.

Gefangenschaft macht kirre zwar gewöhnlich,Doch sucht umsonst ihr aus dem AdlerherzenDen Durst nach Freiheit listig auszumerzen –Untröstlich bleibt er stets und unversöhnlich.Ihr bändigt nie sein innres Widerstreben,Ob ihr ihn schlagen mögt, ob ihr ihm schmeichelt;Den Raub der Freiheit kann er nicht vergebenUnd hackt nach eurer Hand, wenn ihr ihn streichelt.

Nun ist er frei nach langem Harren wieder;Halb zweifelnd noch, ob er zur Freiheit führe,Betritt den Weg er durch des Käfigs ThüreUnd bläht im Hauch des Nordwinds sein Gefieder.Er schreitet aus, als ob auf seinem SitzeEr lahm geworden und das Gehen lerne;Aus halb erloschnem Auge zucken BlitzeUnd forschend späht er in die Höh’ und Ferne.

Nur ein Erinnern blieb aus alten TagenUnd will verwirren ihn und übermannen;Die Schwingen will, wie ehedem, er spannen,Doch matt und ungelenk noch ist ihr Schlagen.Durch alle Poren Hauch der Freiheit witternd,Verzehrt von wildem, fieberndem Verlangen –So sammelt sich, in jeder Fiber zitternd,Zum ersten Flug der Adler, der gefangen.

Kennt ihr ihn wieder noch, den stummen, trägen?Mit einem Mal hat er die Kraft gefundenUnd sich dem Bann des Sklaventhums entwundenMit nervigen, gewalt’gen Flügelschlägen!Er schießt empor, ein Pfeil, geschnellt vom Bogen,Er schwimmt im Blau mit Fittichen von EisenUnd hat bereits den Blicken sich entzogenIn immer engern regelrechten Kreisen.

Nur einen Schrei habt ihr von ihm vernommen –Den Schrei der Freiheit, hell und scharf und klingend,Bevor, sich hoch und immer höher schwingend,Als Punkt im Blau allmälig er verschwommen.Und wer den Schrei gehört, den Flug gesehen,Wird keinen Aar durchs Sklavenjoch mehr zerren;Dafern er weise, hat er eingesehen,Daß Thorheit es, die Adler einzusperren.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
In Reih und Glied, 1. Auflage, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Nach dem Kongreß“, Fassung 3.778.993 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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