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Versbuch

Osterglocken

Rudolf Lavant · 18441915

65 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1890

Als ich eine Jüngling war mit braunen Locken,Da war bei Tag und Nacht auf Weg und Stegen,In mir ein hoffnungsfreudiges FrohlockenUnd kühner Wünsche ungestümes Regen.Die Hoffnung schwand und wurde mir zur Sage,Und wie sie weit und weiter sich entfernte,Ward stiller es in mir mit jedem Tage,Bis ich das Wünschen halb und halb verlernte.

Doch ob die meisten Wünsche auch entschliefen,Wie Kinder, die sich mattgeweint vor Hunger,Lebendig blieb in meiner Seele TiefenEin Wunsch, ein heißer, starker, ewig junger.Wie Frühlingssturm hat er mich überfallenUrsprünglich oft, in Träumen stillverstohlen,Und beide Fäuste mußt‘ ich stumm dann ballenUnd aus der Brust kam schwer das Athemholen.

Ein einz’ges Mal möcht‘ ich zum Thürmer werden,Der niederspäht durch eine schmale Scharte,Und dann mit Macht den Völkern all auf ErdenDen Ostergruß zudröhnt von hoher Warte,Der allen Landen im Triumph verkündet,Man schmiede um zu Sicheln nun die Waffen,Der Freiheit sei der Friede eng verbündetUnd werde Heil und Segensfülle schaffen.

Wie wollt‘ ich ziehen an dem GlockenstrangeMit rüst‘gem Arm, bis mir die Kraft geschwunden!Sie müßte läuten, läuten voll und lange,In dieser Osternacht geweihten Stunden.Und fühlt‘ ich dann ein tiefes Beben wallenDurch alle Quadern des gewalt’gen Thurmes,Ich dächte gern, es sei erzeugt vom HallenDer Glocke nur und nicht vom Weh’n des Sturmes.

Der Stirne Brand ließ ich vom Winde kühlen,Der meine Brust in vollen Stößen träfe;Ich ließe mir von ihm das Haar zerwühlen,Daß wirr und frei es flöge um die Schläfe,

Und ab und zu dann würd‘ ich nieder lauschenUnd weiter läuten, Aug‘ und Herz in Gluten,Wenn ich vernommen jenes dumpfe Rauschen,Mit dem die Massen auf und nieder fluthen.

In meiner Höhe würd‘ ich ihn empfinden,Den frohen Herzschlag der erregten Massen,Die sich, ein Schreckniß für die ewig Blinden,Ins Freie drängen aus den finst‘ren Gassen;Ihr Freudenruf nach stumm getrag’nen Schmerzen,Der feige Seelen füllt mit bangem Grausen –Mir ginge tiefer, voller er zu Herzen,Als je Choralgewog und Orgelbrausen.

Und träte ernst in dieser selben StundeZu mir der Tod – ich würde nicht erschaudern;Ich folgte ihm, ein Lächeln auf dem Munde,Zufrieden, stillgefaßt und ohne Zaudern.Der Tod im bittern, aussichtslosen KriegeMit blöden Knechtsinns fressendem Verderben –Wohl mag er schwer sein; doch im vollen Siege –Wie ist es leicht, wie ist es süß, zu sterben!

Es ist ein Traum und muß ein Traum wohl bleiben,Wie sie auf Schritt und Tritt uns schmeichelnd locken;Ich werde mich in Gram und Groll zerreibenUnd fasse nie den Strang der Osterglocken;Doch wird mich stets, wenn diese Glocken hallenDurchs nächt’ge Schweigen, wie ein lautes Dichten,Derselbe Wunsch mit Allmacht überfallenUnd seufzend nur werd‘ ich auf ihn verzichten.Rudolf Lavant.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Lichtstrahlen der Poesie, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1890
Digitalisat
de.wikisource.org — „Osterglocken (Lavant)“, Fassung 4.277.797 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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