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Versbuch

St. Fridolin und der Todte

Gustav Schwab · 17921850

104 Zeilen in 26 Strophen · zuerst gedruckt 1828

Fridolin, der fromme Schotte,Trat vor Landolph hin, den Grafen:Sprach: „Was Gottes ist, gieb Gotte!Ist dein Bruder nicht entschlafen?“

„Der zu seiner Seele FriedenMeinem heil’gen GotteshauseGut und Habe zubeschieden,Liegt zu Glaris in der Klause.“

„Warum ärntest du die Felder,Die dem Herrn zu schneiden wären,Warum fällest du die Wälder,Die dem Kirchenbau gehören?“

„Wagest du’s, den Rausch zu trinkenVon dem rothen Ehrenweine,Der im heil’gen Kelch soll blinken?Kirchengut, ist es das deine?“

„Laß von deines Bruders Gabe,Wald und Feld und Garten räume,Daß der Bruder in dem GrabeSanfter lieg’ und besser träume.“

Aber Landolph sprach mit Lachen:„„Soll ich deinem Spruch mich beugen,Muß der Bruder erst erwachen,Deine Worte selbst bezeugen!““

„„Kannst du ihn herauf beschwörenWenn zu Rangkwil wird gerichtet,Wohl, dann mögen wir dich hören,Sonst ist’s Lug, den du erdichtet!““

Fridolin auf solche TückeWürdiget kein Wort zu sprechen,Sieht ihn an mit einem BlickeDer durch Gräber könnte brechen.

Und von Seckingen am RheineAus dem Kloster, an dem StabeZog der Greis durchs WaldgesteineBis gen Glaris zu dem Grabe.

Und er trat bei’m AbendschauerIn die düstre Waldkapelle,Er durchbricht des Grabes Mauer,Stellt sich auf die kalte Schwelle.

„Auf, erwach in Gottes Namen,“Ruft er, „Urso, wehr’ den Tücken:Sieh! und aus der Grube kamenWeiße Händ’ und Haupt und Rücken.

Und als ob des Herrn PosaunenZum Gerichte schon gerufen,Steigt der Leichnam sonder StaunenStarr empor des Grabes Stufen.

Und es faßt die kalten HändeFridolin ihm, frei von Schrecken,Steigt mit ihm die FelsenwändeAuf, bis an der Gletscher Decken.

Durch das Hochgebirge schreitetDer Lebend’ge mit der Leiche,Und die Nacht den Mantel spreitetUm das Paar, das geistergleiche.

Wie der Morgen schon sich wittert,Steigen sie vom Felsgesteine,Und es sieht’s der Senn’, erzittert,Daß ihm’s geht durch Mark und Beine.

Aber Landolph im GerichteSitzt zu Rangkwil ohne Zagen,Mit dem ersten MorgenlichteHat den Stuhl er aufgeschlagen.

Schöppen zwölf, des Rechtes Hüter,Sitzen um ihn her, zu sprechen:Jetzt erhält er doch die Güter,Kein Verblichner kann sich rächen!

Sieh, da pocht es an der Pforte,Wie von eines Todten KnochenLeis und scharf; und hohle WorteWerden draußen schon gesprochen.

Durch die Thüre kommt geschrittenFridolin mit seiner Leiche,Landolph in der Richter MittenSitzt dem Bruder gleich an Bleiche.

Weh! und aus des Todten KehleSteigen Laute, halb verloren:„Was beraubst du meine Seele,Bruder!“ Wehts ihm durch die Ohren.

„Ja, ich zeuge diesem Frommen,Daß mein Erb’ ihm zugefallen,Gieb zurück, was du genommen,Laß getrost in’s Grab mich wallen!“

Landolph sank in’s Knie mit Beben:„Nimm dein Gut, Herr, nimm das meine,Meinen Athem nimm, mein Leben!Und behalte neu das Deine!“

Doch es wandte sich die LeicheMit dem Führer in die Berge,Sehnte sich, die müde, bleiche,Nach der stillen Ruh der Särge.

Wie des Abendlichtes Streifen,Wie vom Mond zwei blasse Strahlen,Sah man längs dem Berg sie schweifen,Bis sie in den Wald sich stahlen.

Und vom schrecklichen GerichteEilet Landolph heim zum Rheine,Mit erbleichtem AngesichteOrdnet er zu Haus das Seine.

Setzt das Kloster ein zum ErbenSeiner reichen Doppelhabe,Neigt das Haupt zum sanften Sterben,Ruht bei’m Bruder in dem Grabe.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte. 1. Band, S. 374–378, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
Digitalisat
de.wikisource.org — „St. Fridolin und der Todte (Schwab)“, Fassung 3.508.870 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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