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Versbuch

Die Gottesbraut

Gustav Schwab · 17921850

128 Zeilen in 16 Strophen · zuerst gedruckt 1828

Aus des Klosters HallenSchallt der Jungfrau’n Sang,Die zur Kirche wallenBei der Glocken Klang;Alle Gott geweiht,Haben sie der ZeitAbgesagt und ihrer Wonne,Kehren sich zur ew’gen Sonne.

Was an ihnen blühet,Blüht zu seinem Ruhm,Was in ihnen glühet,Ist sein Heiligthum.Ihrer Jugend SternLeuchtet vor dem Herrn,Was ein Weib auf Erden schmücket,Opfern sie, der Welt entrücket.

Hoher Stirne Bogen,Langes goldnes Haar,Jungen Busens WogenBringen sie ihm dar;Farb’ger Wangen Blut,Rother Lippen Glut,Was da freut und treibt das Leben,Haben sie ihm hingegeben.

Doch, die Jüngste schauetDort am letzten Platz,Die erst heut vertrauetIhm den reichen Schatz!Welcher Brauen Kranz!Welcher Augen Glanz!Welchen Strahl von SehnsuchtsblickenSieht man sie gen Himmel schicken!

Rosse hört man scharrenVor dem Klosterthor,Einen Jüngling harrenSiehet man davor:Sein entzündet HirnFärbet Aug’ und StirnMit der ird’schen Flamme Gluthen,Die aus dunkler Tiefe fluthen.

An des Thores GitterFrägt die Schaffnerin:Was begehrt der RitterIm empörten Sinn? –„Aus dem schwarzen HausSendet Sie heraus!Drinnen glühn zwei SonnenaugenDie für eure Nacht nicht taugen!“

Seine Waffen tönenDurch der Hallen Gang,Daß man’s höret dröhnenZu der Jungfrau’n Sang.Alle beten laut,Doch die fromme Braut,Wie sie hört die frechen Worte,Wandelt schweigend durch die Pforte.

In der stillen ZelleDurch das Fensterlein,Nach des Himmels Helle,Nach der Sonne ScheinKehrt sie noch einmalIhrer Augen Strahl,Löset mit dem Stahl sich leiseDann der Augen gold’ne Kreise.

Schließt die Perlen beideVon erloschnem Schein,Blutiges Geschmeide,In die Kapsel ein,Zieht den Schleier vor,Wanket an das Thor:„Was du willt, sey dir beschieden,Laß des Himmels Braut in Frieden!“

Zitternd langt der RitterNach der weißen HandDurch das strenge Gitter;Als die Frau verschwand.Keinen Händedruck?Doch er hält den Schmuck!Unterpfand der süßen Triebe!Erstes Zeichen ihrer Liebe!

„Aus der dunkeln Hülle,“Wonneglühnd er spricht,„Komm in deiner Fülle,Kleinod, an das Licht!Wirst ein WiederscheinIhrer Augen seyn!“ –Und er sieht die matten Sonnen,Und das Blut ist ihm geronnen.

Als er auf den PfühlenAus des Wahnsinns Nacht,Wieder war im kühlenMorgenhauch erwacht,Ward in Reu’ und SchmerzIhm ein and’res Herz,Und das Licht, das Sie verloren,Ihm im dunkeln Geist geboren.

Und im Flehen trat erVor den Herrn des Lichts,Einen Strahl erbat erSeines Angesichts;Denn es wandelt blindGottes frömmstes Kind!Daß der Sünder sey errettet,Hat sie sich in Nacht gebettet!

Aus des Klosters HallenSchallt der Jungfrau’n Sang,Die zur Kirche wallenBei der Glocken Klang.Eine steht verhüllt;Aber Dank erfülltWerfen sich beim LiederschalleUm sie her die Schwestern alle.

Hinter ihrem SchleierGlänzt’s wie Sternenlicht,Das schon frei und freierDurch die Wolken bricht;Wie ein Wunder lauscht’s,In dem Schleier rauscht’s;Endlich sinkt vom Haupt er nieder,Und die Kirche strahlet wieder.

Denn es steht die ReineWunderbar erhellt,Wie im SonnenscheineEiner andern Welt;Und ein AugenpaarGroß und fromm und klarSendet seiner Sterne FlammenZu dem Gott, von dem sie stammen.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte. 1. Band, S. 199–203, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Gottesbraut“, Fassung 3.510.417 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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