Schloß Lichtenstein
Gustav Schwab · 1792–1850
80 Zeilen in 20 Strophen · zuerst gedruckt 1828
In einem tiefen grünen ThalSteigt auf ein Fels, als wie ein Strahl,Drauf schaut das Schlößlein LichtensteinVergnüglich in die Welt hinein.
In dieser abgeschied’nen Au’,Da baut’ es eine Ritterfrau,Sie war der Welt und Menschen satt,Auf den Bergen sucht sie eine Statt.
Den Fels umklammert des Schlosses Grund,Zu jeder Seiten gähnt ein Schlund,Die Treppen müssen, die Wände von Stein,Die Böden ausgegossen seyn.
So kann es trotzen Wetter und Sturm,Die Frau wohnt sicher auf ihrem Thurm,Sie schauet tief in’s Thal hinab,Auf die Dörfer und Felder, wie in’s Grab.
„Die blaue Luft, der Sonnenschein,“Spricht sie, „der Wälder Klang ist mein,Eine Feindin bin ich aller Welt,Zu Gottes Freundin doch bestellt.“
Mit diesem Spruch sie lebt’ und starb,Davon das Schloß sich Ruhm erwarb,Seit wohnte drauf manch ein Menschenfeind,Und ward in der Höhe Gottes Freund.
Und als vergangen hundert Jahr,Ein Menschenfeind auch droben war,Lang hatt’ er an keinen Menschen gedacht,Da pocht’ es einsmals an zu Nacht.
„Es ist ein einz’ger vertrieb’ner Mann,Der Welt Feind wohl er sich nennen kann,Herr Ulrich ist’s von Württemberg,Zu Gaste will er auf diesen Berg.“
Der And’re hat ihm aufgemacht,Er nimmt des Fürsten wohl in Acht;Er zeiget ihm das finst’re Thal,Das weit sich dehnt im Mondenstrahl.
Der Herzog schaut hinunter lang,Er spricht mit einem Seufzer bang:„Wie fern, ach! von mir abgewandt,Wie tief, wie tief liegst du, mein Land!“
„„Auf meiner Burg, Herr Herzog, ja!Ist Erde fern, doch Himmel nah;Wer schaut hinauf, und wohnt nicht gernIm Himmelreich von Mond und Stern?““
Da hebt der Herzog seinen Blick,Und sieht nicht wieder auf’s Land zurück;Von Nacht zu Nacht wird er nicht satt,Bis er es wohl verstanden hat.
Und als nach manchem schweren JahrEr wieder Herr vom Lande war,Da hat er Alles wohl bestellt,Und hieß ein Freund von Gott und Welt.
Wie hat er erworben solche Gunst?Wo hat er erlernet solche Kunst?In des Himmels Buch, auf Lichtenstein,Da hat er’s gelesen im Sternenschein.
Das Schloß zerfiel, es ward darausEin leichtgezimmert Försterhaus;Doch schonet sein der Winde Stoß,Meint, es sey noch das alte Schloß.
Und einsam ist es jetzt nicht mehr,Es kommt der Gäste fröhlich Heer,Aus einer Höhle kommen sie,Doch Menschenfeinde sind es nie.
Manch holdes MädchenangesichtLäßt leuchten seiner Augen Licht,Da führt mit Recht in solchem ScheinDas Schloß den Namen Lichtenstein.
Die Männer stolz, die Mägdlein frisch,Sie sitzen alle um Einen Tisch,Die Erde lächelt herauf so hold,Es strahlt am Himmel der Sonne Gold.
Sie spenden von des Weines ThauDem Herzog und der Edelfrau,Sie bitten sie, dies Schlößlein gutZu nehmen in ihre fromme Hut.
Und ziehn sie ab, mit einer BrustVoll Gotteslieb’ und Menschenlust,Dann steht im späten SternenscheinEinsam und selig der Lichtenstein.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte. 1. Band, S. 319–322, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Schloß Lichtenstein“, Fassung 2.572.846 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.
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