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Versbuch

Im kupfernen Kessel von Bodmann zu singen

Gustav Schwab · 17921850

80 Zeilen in 20 Strophen · zuerst gedruckt 1828

Im Kessel zu Bodmann, da steh’ ich zur Stund’,Soll leeren den Becher bis auf den Grund,Den Becher, gefüllet mit Königswein,Herr Karol ihn pflanzt’ auf dem Felsengestein.

Und was gezogen der mächtige Frank’,Ein freier Schwabe jetzt erndet’s mit Dank,Er sperrt’s in den Keller nicht feindlich ein,Er ruft den Fremdling zum Trunk herein.

Und wie in den Becher mein Auge schaut,Das Dunkel der alten Geschichten ihm graut,Und wie der Wein an die Lippe mir schwillt,Die Sage hervor schon, die sprudelnde, quillt.

Sie saßen zu Bodmann beim fröhlichen Mahl,Der Vater, die Mutter, die Kinder im Saal,Die Söhne, die Töchter, wie Rosen und Schnee,Das edelste, schönste Geschlecht am See.

Viel Gäste beglänzet vom Sonnenschein,Sie tranken und sangen bei’m Königswein,So wie ich heut trink’ und heut singe mein Lied:Der Abend von festlicher Lust sie nicht schied.

Die Nacht kam heran mit Wetter und Wind,Des stürmischen Sees verstohlenem Kind,Die Wolken sammeln sich über dem Haus,Doch gehen die Lampen im Schlosse nicht aus.

Die Gäste sie tanzen Thür’ aus und Thür ein,Die Wolken auch führen den nächtlichen Reih’n,Es sprühen die Fackeln in Gang und Saal,Die Blitze die spähen mit bleichem Strahl.

Und in der Schalmei und der Flöte GesangSpielt heimlich des Donners begleitender Klang,Noch rauschet im Saale das Spiel und der Witz,Da schlägt durch die Decke der zackigte Blitz.

Und Flammen umwölken den mächtigen Saal,Ersticken die Gäste, verzehren das Mahl,O Wasser und Himmel, wie glänzt ihr so hell,O herrlich Geschlecht, wie vergehst du so schnell!

Der Vater, die Mutter, sie liegen schon;Ach, dringt zu der Thüre kein blühender Sohn?Die zuckende Flamme läßt keinen hinaus,Es fällt auf die Leichen das wankende Haus.

Da dringt durch Flammen und Feuers Schwall,Die Amme, die treue, heraus auf den Wall,Sie hat es enthoben der Wiege geschwind,Sie trägt auf den Armen ein wimmerndes Kind.

Sie stößt einen Kessel durch Glut und Flamm’,Im Schloß ist verlodert der edle Stamm,Da schließt sie besonnen in’s eherne HausDas Zweiglein, das letzte, und schleudert’s hinaus.

Es rollet der Kessel den Berg hinab;O Kind, ist’s dein Wieglein, ist’s nicht dein Grab?Die Dienerin folgt ihm mit Mutterblick,Und sinkt in die Flammen des Hauses zurück.

In Trümmern die Burg lag ein manches Jahr,Bis daß das Knäblein erwachsen war,Da baute stolz über Schutt und GrausDer letzte Bodmann sein steinernes Haus.

Der letzte Bodmann der erste ward,Er zeugte Söhne von edler Art,Und liebliche Töchter und Enkel so hold,Die Flamm’ hat im Kessel geläutert das Gold.

Und Vater und Mutter bei’m fröhlichen Mahl,Und Kinder noch heut in dem festlichen Saal,Sie sitzen, sie trinken vom Königswein,Sie schenken dem Wand’rer ihn freundlich ein.

Im Kessel, daraus ist erblühet das Haus,Im Kessel soll er ihn trinken aus,Er soll der versunkenen Ahnen mit Fug,Soll der Amme gedenken bei jedem Zug.

Mein Lied ist gesungen, wie wird mir zu Muth?Ich träume von Flammen, ich spüre die Glut,Es drehet der Kessel, der eherne, sich,Wald, Himmel und Wasser umtaumeln mich.

Doch heißet im Kopf mich der Königswein,Getrost bei dem Wunder, dem seltsamen seyn;Er rettet mich glücklich durch jede Gefahr,Der Kessel steht stille, mein Auge wird klar.

Es schauet die Burg und den See und das Land,Gott hüte Haus und Geschlecht vor Brand!Und will er Flammen ja senden hinein,So seyen es Ströme von Königswein!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte. 1. Band, S. 392–395, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
Digitalisat
de.wikisource.org — „Im kupfernen Kessel von Bodmann zu singen“, Fassung 1.405.046 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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