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Versbuch

Im Tempel

Gustav Schwab · 17921850

32 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1828

Der Priester schweigt, es sendet die GemeineVon halbbewegten Lippen stumme Bitte;Verklärend gießet ihre Heil’genscheineDie Sonne nieder in der Beter Mitte.Dort steht, von ihrem Glanz umwallt, die Meine,Die Hände faltet sie nach frommer Sitte,Und neiget jetzt mit friedlicher GebärdeIhr schönes Haupt demüthiglich zur Erde.

Du sel’ges Kind! wie fühl’ ich deine Nähe!Kommt doch des Geistes Strahl auf mich hernieder;In meiner Brust, so oft ich nach dir sehe,Thut sich der Himmel auf und quellen Lieder;Und wie ich ganz in dich verloren stehe,Gebiert dein heil’ger Sinn in mir sich wieder;Mein Auge senkt, mein Haupt sich, wie das deine,Und dein Gebet, dein Wesen wird das meine.

Da weckt mich wunderbar aus meiner StilleDer Glocken Klang und des Gesanges Wogen:Es kommt dein Bild in unnennbarer FülleAuf allen Tönen nach mir zugeflogen,Mein Geist ergießt sich durch die ird’sche Hülle,Von Liedern und Gebeten hingezogen;Von deinem Geist wird er geführt nach oben,Die Engel hört am Thron den Herrn er loben.

Und wie nun schweigen Glocken und Gesänge,Blick’ ich, erwacht, hinab, Sie noch zu finden;Dort wandelt Sie zur Thüre mit der Menge –Froh, ohne Sehnsucht, seh’ ich sie verschwinden;In meinem Ohr ja hallen noch die Klänge,Die mich an sie, wie Priestersegen, binden.Ich bin mit ihr vor Gottes Stuhl getreten,Und mir war klar: erhöret sey mein Beten.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte. 1. Band, S. 33–34, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
Digitalisat
de.wikisource.org — „Im Tempel“, Fassung 1.334.168 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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