Zum Inhalt springen
Versbuch

Kaiser Heinrich

Gustav Schwab · 17921850

64 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1828

Herzog Heinrich war’s von Bayern,Der sich in der Mitternacht,Wo die frömmsten Brüder feiern,Hin zur Kirchen aufgemacht.Ernste Bilder nach ihm fassen,Treiben ihn zum Beten an,Durch die Regenspurger GassenGeht er nach Sanktheimeran.

Junges Heldenantlitz betendMöcht’ ein schöner Anblick seyn,Dieser zum Altare tretendKniet umnachtet und allein.Vor den Augen gar die Hände,Drückend jedes Bild zurück,Fleht er um ein sel’ges Ende,Nicht um irdisch Heil und Glück.

Als er aufstand, schien’s vom RückenUeber ihn, als wie ein Licht,Staunend thät er um sich blicken,Sieht ein heil’ges Angesicht.Hochaltar und Kreuz verklärendDort ein lichter Bischof stand,Der mit hoher Hand, wie schwörend,Zeigte nach der Kirchenwand.

Mit den Fingern, wie mit Kerzen,Leuchtet er auf eine Schrift,Wo der Fürst mit bangem HerzenAuf ein römisch Sechse trifft.„Will mich Gott so bald erhören?Herr, ich glaub’s auf eure Hand,Hebt sie nicht so ernst zum Schwören!“Sprach der Held, und Alles schwand.

Wie sechs Stunden sind vergangen,Harrt’ er fromm auf seinen Tod,Doch es schien ihm auf die WangenLebenshell das Morgenroth.Wie der sechste Tag gekommen,Er bereit und fertig ist,Doch es giebt der Herr dem FrommenNeue heitre Lebensfrist.

Darum hält er an mit Beten,Bis der sechste Mond erscheint,Würd’ger stets vor Gott zu treten,Doch es war nicht so gemeint.Aber ernste TodsgedankenWandeln mit ihm immerdar,Und so lebt er sonder WankenHeilig bis in’s sechste Jahr.

Und in hoher Kirche stand erLeuchtend um das sechste Jahr,Und auf seinem Haupte fand erRöm’sche Königskrone gar.König Heinrich war’s der Zweite,Herr von allem deutschen Land,Der von dort an ward bis heuteStets der Heilige genannt.

Zwei und zwanzig Jahre heiligHerrscht’ er ohne Fluch und Spott,An die röm’sche Sechse treulichDacht’ er, und an Tod und Gott.Weil er fertig war zum SterbenHielt ihn Gott des Lebens werth,Weil den Himmel er konnt’ erben,Ward ihm auch das Reich bescheert.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte. 1. Band, S. 213–215, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
Digitalisat
de.wikisource.org — „Kaiser Heinrich“, Fassung 1.390.291 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Gustav Schwab

Alle Gedichte von Gustav Schwab ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Romantik

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.